China bis 1900
Aufstieg und Niedergang des "Reichs der Mitte"
Wieso ich begann, die Geschichte Chinas zu erforschen …
Als ich 8 Jahre alt war, riefen die Studenten bei ihren Demonstrationen “Ho-Ho-Ho-Chi-Minh” oder so, aber ich wusste nichts davon, weil ich auf dem Dorf wohnte und noch zu klein war. Nun stellte ich fest: Obwohl ich mich (viel später) recht ausgiebig mit dem Geschehen von der Kolonialzeit bis zum Kalten Krieg auf so ziemlich allen Kontinenten einschließlich der Antarktis :) beschäftigt hatte (natürlich nur in seltenen Fällen bis ins allerletzte Detail) hatte ich es bislang anscheinend versäumt, mich mit der politischen Situation in Asien in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts genauer vertraut zu machen.
Im Zuge neuerlicher Recherchen zur CIA, um Details der Heroingeschäfte der CIA herauszuarbeiten, geriet wieder einmal der Vietnam-Krieg ins Visier - als ich, praktisch unversehens, von der Vorgeschichte fasziniert wurde: von Vietnam, “Indochina”, China … anfangs mit Blick auf den Opiumhandel-Aspekt im 20. Jahrhundert. Also kam es wieder einmal anders. Ursprünglich geplant war (und ist immer noch in Arbeit!) eine Art Historie über den Einfluss verdeckter Operationen von OSS und CIA auf politische Entscheidungen der USA und wie die quasi-Immunität von Geheimdiensten jegliches Rechtssystem untergräbt. Oder anders ausgedrückt:
In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg entstand eine geheime Regierung. Geschützt durch den überstrapazierten Deckmantel der angeblich zu schützenden Nationalen Sicherheit, der “Demokratie” und im Namen des “Kampfes gegen den Kommunismus” wurden Straftaten praktisch jeder Kategorie verübt - von Bestechung und Erpressung, über Manipulation der Medien und der Massen sowieso extremen Menschenexperimenten, Anschüren und Unterstützung von gewalttätigen Revolutionen, Drogen- und illegaler Waffenhandel in einem immensen Ausmaß bis hin zu gezielten Einzelmorden und Morden in größerem Umfang durch CIA-Schergen. Nicht wenige dieser Verbrechen wurden durch die “hohe” Politik direkt und indirekt ermöglicht, gerechtfertigt, vertuscht. Was zu einer stetig eskalierenden Korruptionsspirale führte.
Ich benutze hier zwar die Vergangenheitsform, möchte aber klarstellen, dass diese Praktiken keine Angelegenheit sind, die irgendwann in der Vergangenheit einfach aufhörten zu existieren, Wieso auch?
Wenn man sich die Liste der Verbrechen der CIA und anderer Geheimdienste einmal in ihrer Gesamtheit ansieht, dann ist sie ziemlich eindrucksvoll. In Bezug auf die USA ist es jedoch ausnahmsweise einmal möglich, den Anfang dieser Entwicklung genau zu identifizieren. Denn der erste offizielle Geheimdienst der USA wurde mit dem OSS erst 1942 gegründet. Mitten im Krieg. Nach Pearl Harbour.
Nach Pearl Harbour
Erstmals in ihrer Geschichte seit den Unabhängigkeitskriegen waren die USA selbst angegriffen worden. Der “Pearl Harbour-Moment” war ein einschneidender Wendepunkt in der Geschichte der USA, wobei zunächst zweitrangig ist, ob Roosevelt und sein Militär vorab vom Angriff durch Japan wussten oder nicht. Die Vorgeschichte von Pearl Harbour wiederum führt zum sino-japanischen Krieg, in welchem die USA China, und zwar sowohl Kommunisten als auch Nationalisten, in nicht unerheblichem Maße unterstützten, um dem Eroberungszug der Japaner in der Mandschurei, Süd-China und Indochina Einhalt zu gebieten.
Doch halt - was für eine Regierung hatte China damals, vor Mao, eigentlich? Diese Frage führt direkt in das Dickicht der Geschichte Chinas nach der Absetzung des letzten Manchu-Kaisers im Jahr 1911, in das ich mich immer tiefer verstrickte.
Glauben Sie jetzt aber nicht etwa, dass ich nach einer Menge Recherchen zum Thema sagen könnte, welche Personen zwischen 1916 und 1949 DIE Zentralgewalt in China verkörperten. Kuomintang, Kommunisten, Warlords und schließlich die japanische Besetzung, sowie die schwierige Bewertung der Vertragshäfen und der Internationalen Ansiedlungen machen die Beantwortung dieser Frage schier unmöglich. Seltsame Parallelen taten sich jedoch auf zwischen der Situation in der Weimarer Republik und der sogenannten Republik China, zur selben Zeit. Nur in einem völlig anderen Maßstab,
Die einfache Frage, wer in China vor 1949 faktisch regierte, führte wieder einmal zu einer Sysiphus-Arbeit. Ich stellte fest, dass ich nicht wirklich viel über die Situation in China, Japan und Südostasien zu Beginn des 20. Jahrhunderts wusste, ein Art blinder Fleck tat sich hier auf, den es auszumalen galt. Fühlen Sie sich nun eingeladen, mich auf meine Asien-Reise zu begleiten. In diesem Teil geht es um die Geschichte Chinas vor 1900.
Vorauszuschicken wäre noch, dass ich kein “China-Experte” bin und solches auch nicht werden möchte. Auch gibt es kaum “Parallelen” zu sehen, wenn man den Bogen nicht sehr weit spannt und zum Beispiel die Absicht, “die Sicherheit Europas zu gewährleisten” berücksichtigt, was bereits im 19. Jahrhundert Grund genug war, ferne Länder anzugreifen. Oder die Parallele, dass der Krieg heutzutage in der Ukraine vielleicht etwas mit der geplanten “Neuen Seidenstraße” zu tun haben könnte, deren Vorgeschichte unter anderem im vorliegenden Artikel erforscht wird. Oder, oder, oder …
Nachfolgendes ist keineswegs als “Geschichte Chinas” zu verstehen. Bei aller Unzulänglichkeit, die einem bloßen Artikel über ein so gewaltiges Thema anhaften muss, hoffe ich dennoch, dass dieser Beitrag Informationen beinhaltet, die Lesern wichtige Informationen zu dieser Geschichte vermitteln können. Ende der Durchsage …
Das Reich der Mitte
China als Vielvölkerstaat zu bezeichnen, ist, als würde man den Mount Everest eine lokale geographische Erhebung nennen.
In Bezug auf die Vielvölkersituation vergleichbar mit China zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind sind am ehesten Russland, das Osmanische Reich und vielleicht noch Österreich-Ungarn. Der Unterschied zu Britischem, Französischem, Spanischem Empire und anderen Kolonialhegemonien - Imperien, die ebenfalls die unterschiedlichsten Völker unter einer Herrschaft vereinigten - ist, dass die zuerst erwähnten Reiche im Laufe Jahrhunderte währender Eroberungen der Nachbarländer ihr Herrschaftsgebiet vergrößerten, während Kolonialländer wie England, Frankreich, Spanien, Portugal, Holland usw. (notgedrungen) ihr Glück in weit entfernten Ländern suchten.
Tatsächlich ist es aber ziemlich schwierig, koloniale Eroberungspraxis, sogenannte Annexionen und altmodische Gebietsgewinne per Krieg sauber von einander zu trennen.
China jedoch hat eine Historie, die die anderer Reiche, mit Ausnahme des Alten Ägypten vielleicht, um Längen übertrifft, doch ist die Geschichte Chinas nicht nur lang, sondern natürlich auch kompliziert. Von einer Einheit eines 3000 Jahre alten einigen und stabilen Reiches kann überdies genau genommen nicht die Rede sein.
Die kulturelle und ethnische Vermengung warf unter Historikern die Frage auf,
ob das Konzept von China «einfach nur eine fremde Fiktion war». Nicht nur der Begriff «China» ist ausländischer Prägung; auch in etwa vergleichbare chinesische Begriffe wie Zhonghua und Zhongguo erlangten im traditionellen chinesischen Diskurs keine feste, eindeutige Bedeutung. Der ethnische Pluralismus geht in den meisten Geschichtstexten, in denen das Wort «China» oder «chinesische Kultur» ungenau verwendet wird, häufig verloren. [Geschichte des Modernen China, S. 48]
Wenn nicht gerade mehrere chinesische Königreiche gegeneinander kämpften oder Koalitionen gegen andere Fürstentümer eingegangen wurden, dann waren es eben Bürgerkriege, die “China” zerrissen, was es schwierig macht, sich eine dauernde Einheit Chinas überhaupt nur vorzustellen.
Im Verhältnis zur behaupteten Länge der Geschichte Chinas gibt es so etwas wie eine allgemein verwendete Standardsprache und -schrift (Mandarin) übrigens noch nicht sehr lange. Ein paar hundert Jahre allenfalls. Was das für die Regierung eines riesigen Reiches bedeutete, in dem, wenigstens zeitweise, hunderte oder mehr illiterate Völker und deren Sprachen unter einem Dach vereint waren, mag sich jeder selbst ausrechnen. Die Qing-Regierung (1644-1911) ging dazu über, offizielle Verlautbarungen in drei verschiedenen Sprachen zu veröffentlichen: Manchu, Han und Uigurisch. Noch heutzutage können sich Leute aus dem Norden Chinas nicht unbedingt mit Südländern verständigen und vice versa.
Es geht die Geschichte um, dass Exil-Chinesen, die 1942 über die Burma-Road (Thema eines anderen Teils) vor dem japanischen Vormarsch aus Burma, Thailand und Vietnam nach China flüchteten, bei ihrer Ankunft Verständigungsprobleme hatten. Im Exil hatten diese Chinesen ihren jeweiligen Dialekt bewahrt, den die Heimat-Chinesen 1942 nicht mehr verstanden. Allerdings waren diese Exil-Chinesen teilweise schon knapp 300 Jahre im Exil, seit Mitte des 17. Jahrhunderts, der Zeit der Machtübernahme der Manchu (ca. 1644), oder gar noch länger.
Flüchtige Blicke auf die Geschichte Chinas hatte ich bislang lediglich in Sagenhaftes Tibet getan, in Die East India Company und in einer frühen (Test-) Version meines immer noch unveröffentlichten Buches zur Geschichte der Pockenimpfung (PDF).
Ich werde heute :) sicher nicht die komplette Geschichte Chinas nacherzählen, Sie können beruhigt aufatmen. Lediglich einige der Notizen zur älteren Geschichte, die ich mir während diverser Recherchen gemacht hatte (s.o.), werden hervorgekramt, zitiert und um neuere Recherchen ergänzt. Allerdings bin ich um einige Anekdoten aus dem Alten China und einen kleinen Exkurs zur “Seidenstraße” dann doch nicht herumgekommen.
Die Han-Dynastie
Vor der Han-Dynastie (202 v.Chr. - 220 n.Chr.) von “China” regierte ein (1!) Qin-Herrscher, nicht etwa eine Dynastie. Es war der legendäre Shi-huang-ti, der in 8 Jahren alle Lehensstaaten eroberte und damit China zum ersten Mal unter einem Fürsten vereinte. Ob vor diesem Qin-Herrscher auch nur ansatzweise von einem chinesischen Reich gesprochen werden kann, wage ich zu bezweifeln. Die Rede ist allerdings von zwei sehr langlebigen Kontrahenten.
Kaiser Shi-huang-tis Macht muss wahrlich groß gewesen sein. Von ihm stammen die berühmten Terrakotta-Krieger, die erst 1974 zufällig entdeckt wurden. Mehr als siebentausend überlebensgroße Terrakotta-Figuren von Kriegern, sechshundert Pferde und hundert Kriegswagen kamen zutage, naturgetreues Abbild einer jener Armeen, die damals der Schrecken der Feinde des Kaisers gewesen sein mögen. Faszinierend ist, dass die ausgegrabene Fundstätte nur ein Nebengrab des Kaisers gewesen sei. Das Hauptgrab harrt möglicherweise noch der Freilegung.
Der Kaiser regierte nur 40 Jahre und soll neben anderen Großtaten auch noch die Große Mauer in Auftrag gegeben haben. Was die tatsächliche Bauzeit und Vollendung angeht, haben einige moderne Kritiker jedoch Zweifel angemeldet.
Erster wirklicher Nachfolger des Shi-huang-ti war ein Bauer aus dem Osten, einer jener Rebellen, die in der Geschichte Chinas oft nach wechselvollen Kämpfen die Macht an sich gerissen haben.
Liu Ki, der nach seinem Tode den offiziellen Kaisernamen Kao- tsu erhielt, begründete 206 v. Chr. nach hartem Ringen eine der großen Dynastien Chinas: die Han-Dynastie. Nach ihr nennt sich das Staatsvolk Chinas noch heute Han. Alle anderen Völker im Lande gelten als nationale Minderheiten. Einige dieser Minderheiten stellten andererseits im langen Lauf der Geschichte immer mal wieder die Herrscher. Die Chinesen, womit nun wahrscheinlich die Han gemeint sind, sublimierten letztlich alle.
Auf die Zeit des Shi-huang-ti sind die auch weiterhin existierenden Kontakte zwischen Han und Mongolen zurückzuführen. Denn der Kaiser setzte diplomatische Verheiratungen von Prinzessinnen und “Geschenke” ein, um die Mongolenvölker zu besänftigen. Dem vorausgegangen war die Verdrängung der nördlichen Nomaden von ihren fruchtbaren Weidegründen, was die Xiongnu/Hiung-nu/Mongolen zu immer neuen Einfällen in die fruchtbaren südlichen Weidegebiete bewog - deshalb die Idee mit der Mauer.
Um 200 v. Chr. entstand dann in Form eines Bündnisses eines mächtigen Xiongnu-Führers mit einem nordchinesischen Fürsten eine starke Bedrohung für das frischgebackene Reich. Ein Bündnis wurde daraufhin mit dem mächtigsten Xiongnu-Fürsten geschlossen, und vertragliche Vereinbarungen sollten die Nahrungsmittelversorgung für die Xiongnu zukünftig garantieren; eine Heirat zwischen dem Mongolen-Fürsten und einer Han-Prinzessin wurde arrangiert.
Politische Verheiratungen von Han-Prinzessinnen mit ausländischen Barbarenfürsten wurden sehr zu deren Leidwesen, auch in Zukunft noch eine Rolle spielen. Hin und wieder handelte es sich gar nicht um echte “Prinzessinnen”, die da verheiratet wurden. So oder so scheint es keinen Mangel an Nachschub an Prinzessinnen gegeben zu haben.
Einzelne Nomadenstämme setzten ihre Angriffe auf “China” trotz alle dem weiterhin fort, aber die größte Gefahr durch eine starke Xiongnu-Koalition war zunächst gebannt.
Konfuzianismus und andere Religionen
Erst Mitte des 1. Jahrtausends, also praktisch ein Millenium nach dem Tod des Heiligen, soll sich das mittlerweile wiedervereinigte Reich dem Konfuzianismus zugewandt haben, das am Ende der Teilungsperiode von den Sui- und Tang-Dynastien gebildet wurde. Der Konfuzianismus wurde als offizielle Religion oder Ideologie übernommen.
Dieses konfuzianisch-kulturelle China wurde bald von sehr unterschiedlichen Herrschaftszentren regiert, von denen einige aus Regionen weit außerhalb der chinesischen Grenzen stammten, wie Innerasien, der Mongolei und der Mandschurei. Die sogenannten Eroberungsdynastien wurden von Nicht-Han-Völkern gebildet, die Teile Chinas oder ganz China beherrschten, aber auch zahlreiche andere Herrscher kamen ursprünglich aus Gebieten außerhalb Chinas. Die Eroberungsdynastien waren nicht einfach normale chinesische Dynastien, sondern in Traditionen aus Innerasien oder den weiten Steppen des Nordostens verankert – nicht nur militärisch, sondern auch kulturell, politisch und ideologisch. Die han-chinesische Gesellschaft interagierte mit Nicht-Han-Völkern aus der Steppenregion, die ihr oft militärisch überlegen waren. [Geschichte des Modernen China, S. 49]
Nun, was hat Konfuzius eigentlich gelehrt und gesagt? Zu erklären, was er gelehrt hat, geht an dieser Stelle zu weit, aber gesagt hat er:
Ob es Gott gibt oder nicht, wissen wir nicht. Also lasset uns ihm Opfer darbringen.
(Konfuzius, [Kung-fu-Tse] chinesischer Philosoph, 551-479 v.u.Zr.)
Was auf eine sehr seltsame, aber doch pragmatische Einstellung hinweist :) Interessant wäre wahrscheinlich, welcher Religion die Han ursprünglich anhingen, aber das kann hier gleichfalls nicht geklärt werden. Klar ist, dass jedes über die ursprünglichen Grenzen expandierendes Reich mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen konfrontiert wird. Wir reden hier abgesehen vom Konfuzianismus z.B. von den religiösen Hauptströmungen Zoroastrismus, Buddhismus, Hinduismus, Islam (ab dem 8. Jahrhundert) und Christentum, sowie einer Unzahl regionaler Sekten. Bis zum heutigen Tag widersetzen sich einige mohammedanische sogenannte Uiguren offenbar der Idee eines einheitlichen Chinas.
Klein-China und die Seidenstraße
Die Vorstellung, dass ein Großreich China bereits 3000 v. Chr. existierte, wurde möglicherweise durch westliche Fehlinterpretation stark gefördert.
So hatte der berühmte englische Sinologe Legge das Zeichen ti, das zuerst den höchsten Gott meint, mit “Kaiser” übersetzt, was in der deutschen Sinologie zur Umdeutung von Gottheiten in die fünf Urkaiser Chinas führte, die dann lange Zeit eine legendenumwobene, aber dennoch historisch genommene Rolle in der China- Geschichtsschreibung spielten. Schreibt Uhlig in seinem Buch “Die Seidenstraße”, Erstauflage 1986.
Einer dieser Gottkaiser, Huang ti — der gelbe Kaiser —, der im dritten vorchristlichen Jahrtausend nicht weniger als dreihundert Jahre regiert habe, wird mit der Erfindung der Seidenweberei in Zusammenhang gebracht. Seine Frau Si-ling-shi — in anderen Legenden heißt es, sie sei seine Tochter gewesen — gilt als die erste Seidenweberin.
Frauen konnten in China einige Macht erreichen, stellte ich immer mal wieder fest, und das galt auch für Witwen von Herrschern oder verehrten Persönlichkeiten. Zwar war die direkte Herrschaft einer Frau noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts geradezu unvorstellbar im Reich der Mitte, doch Frauen spielten durchaus eine Rolle als kluge Beraterinnen und die Witwen hochstehender Persönlichkeiten wurden ebenfalls hoch verehrt. Einige Beispiele dafür werden uns noch begegnen.
Erst während der Regierungszeit der Han-Dynastie soll übrigens der Handel über die Seidenstraße richtig in Schwung gekommen sein. Handelswaren aus China fanden jedoch bereits seit noch älterer Zeit ihren Weg in die Mittelmeer-Region. Selbst einige Kelten kannten Seide, wie ein Fund in einem angeblich aus dem 6. vorchristlichen Jahrhunderts stammenden Grab beweist.

Seide war schon seit der Antike ein begehrter und kostbarer Stoff, und belegt ist auch, dass Seide seit jener Zeit über verschiedene Wege, die allesamt gleichsam Seidenstraßen waren, über Afghanistan, Persien oder Indien, also nicht unbedingt über die Nordroute, sondern auf dem Seeweg bis ins Römische Reich und später Byzanz transportiert wurde.
Erst angeblich 420 AD wurde das bislang streng gehütete Geheimnis der Seidenproduktion durch eine Prinzessin gebrochen, die Samen des Maulbeerbaums und Eier von Seidenraupen in ihrem hochaufgetürmten Haar aus China herausschmuggelte. So jedenfalls die Legende. Die Prinzessin war mit einem Khotan- Fürsten verheiratet worden, der über eine Oasenstadt am Rande des Tarim-Beckens herrschte, eine Station entlang der nördlichen Seidenstraße. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um das Gebiet südlich des Karimbeckens, das in der Karte unten mit “Hotan” bezeichnet ist.

In der Gegend um Hotan kursieren eine Menge ähnlicher Legenden. Eine davon weicht jedoch erheblich davon ab und erzählt eine Geschichte, in der es um die Verehrung von Ratten geht:
Ein gewisser Xuanzang beschrieb eine Reihe kleiner Hügel westlich von Khotan, von denen die Einheimischen glaubten, dass sie von einem Stamm heiliger Ratten erbaut worden seien. Der Legende nach gelang es dem König von Khotan, einen Angriff der Xiongnu abzuwehren, indem die Ratten die Bogensehnen und Geschirre der Angreifer zerfraßen. Die Khotanesen errichteten westlich der Hauptstadt einen Schrein, und die Ratten wurden als Retter des Königreichs verehrt. Bedenken Sie nun, was für Folgen es gehabt hätte, wenn auch in einem ähnlich gelagerten Fall eine Nagetiergottheit erschaffen worden wäre.
Herodot, der ca. 300 Jahre vor Josephus (1. Jahrhundert) gelebt haben soll, schrieb, dass Tausende von Mäusen über das assyrische Lager herfielen, und die Sehnen der Bögen und die sonstigen Waffen zernagten. Die Armee des assyrischen Königs Sanherib, des Sohnes Sargons II., sei im Jahr 701 v. Chr. aufgrund dieser Begebenheit vernichtet worden. Eine gar seltsame Parallele tut sich hier auf.
Hier noch ein Nebengedanke: die aus dem griechischen Sagenschatz bekannten Zentauren, halb Pferd, halb Mensch, könnten von den legendären Reitkünsten der Mongolen inspiriert worden sein. Eine andere Legende, dieses Mal aus der Neuzeit, dreht sich um einen mystischen Ort ganz in der Nähe von Hotan. Es geht um das sagenhafte Shampulla, das in Kreisen von Theosophen, insbesondere von Frau Blavatsky, zu Ehren kam.
Ob Frau Blavatsky wusste, dass es tatsächlich einmal einen blühenden Ort gegeben hat, der Shanpulla hieß und im Einzugsgebiet der Wüste Gobi lag, hat sich mir nicht erschlossen. In Sagenhaftes Tibet schrieb ich:
Laut Eingeweihten siedelten sich die führenden Persönlichkeiten jener hohen Kultur, die großen Weisen, die Söhne der Geister anderer Welten, nach [einer] Katastrophe in Gobi in einem riesigen Höhlenbezirk unter dem Himalaja an. Innerhalb dieses Bezirks spalteten sie sich in zwei Gruppen; die eine folgte dem“Weg rechter Hand“, die andere dem Weg „linker Hand“. Der Mittelpunkt des „ersten Weges“ soll Agarthi gewesen sein, eine unauffindbare Stadt, der Ort der Kontemplation, der Tempel des Nicht-Teilhabens an der Welt. Der „zweite Weg“ führte über Shampullah, die Stadt der Macht und der Gewalt, deren Kräfte über die Elemente und die Massen der Menschen geboten und sie der „großen Zeitwende“ entgegenführten. Den großen Magiern anderer Völker war es möglich, durch Gelöbnisse und Opfer einen Pakt mit Shampulla zu schließen.
Ein Ort namens Shanpula existierte einst tatsächlich ca. 20 Kilometer süd-östlich von Chotan. Chotan stellte im 7. Jahrhundert den westlichsten Grenzort des chinesischen Reiches dar und wurde dementsprechend als Grenzfort ausgebaut.
Das Wüstenrätsel
Es muss an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass von einigen Städten und Siedlungen entlang der Seidenstraße, die einst prosperiert haben müssen, heutzutage allenfalls noch Ruinen aufzufinden sind, die noch dazu inmitten wüstenartiger Gebiete liegen. Andere einst bedeutende Siedlungen sind wohl gänzlich im Sandmeer verschwunden. Dun Huang (im Bild oben ganz rechts) beispielsweise war einst eine blühende Oasenstadt an der Seidenstraße. Hier, am Rand der Wüste Gobi, endete die Große Mauer und begann gleichsam, aus Sicht der Herren des Reichs der Mitte, der Wilde Westen. Jenseits davon lag das Reich der Barbaren, derjenigen, die nicht in irgendeiner Weise vom Reich der Mitte kontrollierbar waren und Tribut zahlten.
Dun Huang wurde zu einer hochbefestigten Stadt ausgebaut, mit hohen Mauern und Forts, von denen eins sogar noch erhalten sei. Ansonsten sind aber nur wenige Straßen und armselige Hütten übrig geblieben, was nicht weiter verwundert. Denn: gleich hinter Dun Huang beginnt die Wüste. Zu bezweifeln ist nun, ob ein einigermaßen klar denkender Mensch sein Haus wirklich direkt vor so einer Düne erbaut hätte.

Eine der Expeditionen Sven Hedins (s. Sagenhaftes Tibet) führte ihn ins östliche Tarimbecken, wo er seine These beweisen wollte, daß der Tarim-Fluß und andere Flußläufe des Gebietes im Laufe der Zeit ihr Bett und zum Teil ihre Flußrichtung geändert hatten, wodurch dem Lop-Nor seine ursprünglichen Zuflüsse verlorengegangen waren.
Uhlig schrieb:
Der Lop-Nor war, wie Sven Hedin vermutet hatte und nunmehr nachweisen konnte, ein wandernder See. Der Grund: Das Gebiet war so flach, daß die geringsten Strukturveränderungen der Landschaft zu gravierenden Veränderungen der vielfältigen Wasserflächen und Wasserläufe führen mußten.
Das ist auch die Erklärung für die Aufgabe Loulans im vierten Jahrhundert. Die Stadt hatte kein Wasser mehr, und das Land verlor seine Fruchtbarkeit. So wurde das ganze Gebiet zunächst zu einem undurchquerbaren Sumpf, später zu einer schreckenerregenden Wüste voll unberechenbarer Gefahren. [Die Seidenstraße, Helmut Uhlig, S. 157]
Zumindest interessant ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass in der Sahara der Prozess der Versandung im 4. Jahrhundert ebenfalls noch nicht gänzlich abgeschlossen gewesen sein kann, also anscheinend zur selben Zeit stattfand, wie die Verödung Innerasiens. Siehe hierzu “Blitze im Stein - auf Google Earth”, wo ich eine etwas andere Theorie der Versandung der Sahara erkunde.
Zwar wurde auf den Seidenstraßen beileibe nicht nur Seide transportiert, begehrt waren im Westen neben den kostbaren Stoffen vor allem Gewürze, Tee, Porzellan und Schmuckarbeiten, dennoch war Seide seit Alters her unbestreitbar eine begehrte Handelsware. Der Begriff Seidenstraße ist hingegen erst neueren Datums.

Die 3 chinesischen “Welträtsel”
Die Erfindung der Seidenweberei reiht sich für mich ein in eine Reihe von Erfindungen im Laufe der Menschheitsgeschichte, die fast noch unerklärlicher sind, als die Erfindung des Bumerang durch australische Ureinwohner. Die drei chinesischen Welträtsel drehen sich momentan um die folgenden Fragen:
Wer hat die Akkupunktur erfunden? Konkret: Wer ist wie und warum auf die Idee gekommen, bestimmte Nadeln in bestimmte Körperstellen zu stecken, in der Absicht, das Qi oder was auch immer zum Fließen zu bringen und so das körperliche Wohlbefinden wiederherzustellen?
Wurde die Pockenimpfung in China erfunden? Und wenn ja, warum genau?
Hinzu kommt nun das Geheimnis, wieso irgend ein “Chinese” oder eine “Chinesin” einmal auf die Idee gekommen sei, die Fäden der Maulbeerbaum-Seidenraupe “wieder abzuwickeln” und daraus Kleidungsstücke zu machen.
Zu 1.: Erstaunlicherweise konnte ich bislang nicht einmal den Ansatz einer Sage ausfindig machen, welche wenigstens eine mystische Erklärung für die Praxis der Akkupunktur bietet. Nicht ausgeschlossen ist, dass ich noch nicht richtig danach gesucht habe.
Im Gegensatz dazu existieren zu 2. und 3. etliche Sagen … Hier die Sage von der vielleicht 1. Pockenimpfung in China. Der Berg Emei (alternativ “Omei” in der Provinz Sichuan) gilt den Buddhisten Chinas als einer von vier heiligen Berge und in dieser Gegend existiert auch das älteste buddhistische Kloster Chinas aus dem 1. oder 2. Jahrhundert. Dort wurde die folgende Legende erzählt:
Eine junge Frau aus Kiangsu hatte gelobt, die Welt zu verlassen, und indem sie die Heirat ablehnte, beschloss sie, sich der Buddha-Verehrung zu widmen, aber sie weigerte sich, sich der Tonsur zu unterziehen und zog es vor, ihr Haar zu behalten. Sie pilgerte zum Omei-Berg und lebte auf dessen Gipfel in einer Schilfhütte. Die Frauen dieser ganzen Region wurden ihre Jüngerinnen, versorgten sie mit Nahrung, sprachen Gebete und verrichteten gute Werke. Diese Frau habe nun, warum auch immer, die Inspiration gehabt, die Pockenimpfung zu lehren. Sie unterwies ihre Schülerinnen in der Auswahl der richtigen Sorte Pocken, und führte eine spezielle Diät ein, die vor und nach der Operation einzuhalten sei. Sodann habe sich dieser Brauch in der gesamten Region ausgebreitet, weil nicht einer von 100 der Geimpften an Pocken gestorben sei.
Ein chinesischer Minister ließ nun diese Frau in die Hauptstadt bringen, welche die Operation am Sohn des Kaisers erfolgreich durchführte. Als sie zurückkehrte, soll sie behauptet haben, nicht aus einer Gebärmutter geboren worden zu sein, und dass sie, wenn sie mit Gebeten und Weihrauch verehrt werden würde, sich vom Himmel aus offenbaren würde, indem sie böse Pockenfälle in gütliche verwandeln werde. Als sie starb, wurde sie zur Pockengöttin T’ou-Sheng Niang-Niang, die in vielen Tempeln dieser Region einen eigenen Altar bekam. Es wird nun anhand einiger Hinweise spekuliert, dass die Kunst ursprünglich von einem tibetischen Mönch eingeführt wurde, der diese in Indien erlernt hätte, womit die Spur also nach Indien führt. [Vorabversion PDF]
Diese Erklärung, warum irgendjemand vor langer Zeit einmal auf die Idee gekommen ist, eitrigen Pockenausfluss in eine Wunde eines gesunden Kindes zu geben, ist genau so gut, wie die meisten anderen, denn die volkstümliche Überzeugung, dass die einmalige überstandene Pockenkrankheit vor weiteren Erkrankungen an Pocken bewahren würde, ist leider eine Legende und stimmt so nicht - jedenfalls nicht vollumfänglich. Überdies sind die Ursachen der Pocken äußerst vielfältig.
Seide - die Legende
Etwas besser sieht es mit Rätsel Nr. 3 aus. Hier die Legende der ersten Seidenspinnerin:
Huang ti - der gelbe Kaiser -, der im dritten vorchristlichen Jahrtausend nicht weniger als dreihundert Jahre regiert habe, wird mit der Erfindung der Seidenweberei in Zusammenhang gebracht. Seine Frau Si-ling-shi — in anderen Legenden heißt es, sie sei seine Tochter gewesen — gilt als die erste Seidenweberin:
Während eines Spazierganges in den kaiserlichen Gärten fiel der Gattin oder Tochter eines der Götter, die versehentlich als “Kaiser” übersetzt wurden, eine sich einspinnende Seidenraupe auf.
Da kam sie auf den Gedanken, der Mensch müsse doch den Faden, den die Raupe um sich schloß, wieder abwickeln und zu Besserem als einem Raupennest verwenden können. Sie versuchte es, und der Erfolg gab ihrer Überlegung recht.
Wenn man diese Legende liest, glaubt man, wie die Sinologen der Vergangenheit, daß es ein chinesisches Reich schon vor fünftausend Jahren gegeben haben müsse. Doch diese Vorstellung ist genauso falsch wie die verbreitete These von der ursprünglichen Einheit der chinesischen Kultur, schreibt Uhlig, und weiter:
Der bedeutende Sinologe Wolfram Eberhard hat in mehreren Büchern klargemacht, daß die chinesische Kultur, wie sie erstmals im dritten vorchristlichen Jahrhundert unter Kaiser Shi-huang-ti und dann in der Han-Zeit Gestalt gewann, nämlich [ganz wie zu erwarten, C.B.] allmählich, aus vielen Lokal- und Randkulturen des heutigen chinesischen Territoriums erwachsen ist.
Wolfram Eberhard berichtet über eine Variante zur oben erzählten Geschichte des Beginns der Seidengewinnung, die er in Texten der frühen Pa-Kultur aus der heutigen Provinz Szechuan gefunden hat.
Hier werden die Könige des Landes Shu mit der Erfindung der Seidenweberei in Verbindung gebracht. Einer dieser Könige — Tsan-tsung, was soviel wie Seidenraupendickicht heißt —, gilt als aus einer Seidenraupe hervorgegangener Herrscher. Das weist eindeutig auf die Wichtigkeit hin, die man schon in frühester Zeit der Seidenraupe und dem durch sie gewonnenen Produkt beigemessen hat.
Den gleichen Namen wie dieser König trägt auch ein uralter Opferplatz bei Chengtu, der heutigen Verwaltungshauptstadt Szechuans, wo man in einem Grab goldene Nachbildungen von Seidenraupen gefunden hat. (Ich bitte übrigens die verschiedenen Schreibweisen chinesischer Eigennamen und Ortsnamen zu entschuldigen. Es gibt hier eine große Verwirrung.)
Seidenraupenfeste durchziehen heute noch in Chinas Seidenprovinzen das ganze Jahr. Die meisten davon werden, wie Eberhard berichtet, in Szechuan gefeiert.
Dem legendären Ursprung der Seidenraupe begegnen wir im chinesischen Volksmärchen. Dort lesen wir die Geschichte eines schönen Mädchens, dessen Vater in die Welt gezogen war und Frau samt Kind allein zurückgelassen hatte. Die Frau empfindet Sehnsucht nach ihm und verspricht dem, der ihn zurückbringt, ihre Tochter zur Frau. Da macht sich das Pferd der Familie auf den Weg, um den Mann zurückzuholen, was ihm auch gelingt. Doch das Pferd erhält nicht den versprochenen Lohn. Im Gegenteil! Es wird von der Familie getötet. Als dann das Mädchen erleichtert über das abgehäutete Pferdefell springt, wickelt sich die Pferdehaut plötzlich um seinen Leib, und das Bündel fliegt in einen Baum. Dort verwandelt sich das Mädchen im Pferdefell zur Seidenraupengöttin, die in China auf dem Lande bis in die Gegenwart verehrt wird. [Die Seidenstraße, Helmut Uhlig, S. 12 ff.]
Varianten der Legende, in der es in Zusammenhang mit dem Geheimnis der Seidenproduktion um ein Heiratsversprechen an ein Pferd geht, das dann gebrochen wird, gibt es seltsamerweise mehrere. Das Pferd übrigens ist geradezu ein Sinnbild für die Mongolenstämme. Ein chinesischer Feldherr unternahm auf Befehl seines Kaisers sogar einige Anstrengungen, um einen Mongolen-Führer zu besiegen und 20000 Pferde mit ins Reich zu bringen, wenn auch sonst nicht viel gewonnen wurde. Die mongolischen Pferde waren der chinesischen Kavallerie offenbar überlegen, was vielleicht aber auch an den reiterlichen Künsten der Mongolen lag. Aber selbst Anfangs des 20. Jahrhunderts noch waren die trittsicheren Pferde und Mulis, die von mongolischen Klans bezogen wurden, unerlässlich, um die schmalen gefährlichen Pfade der Seidenstraßen sicher zu überwinden.
Dreht es sich bei dieser Seidenspinnerei-Legende rund um ein gebrochenes Versprechen und ein Pferd also um Beziehungen in alter Zeit zwischen Mongolen-Klans und chinesischen Herrschern? Das ist nur so ein Gedanke …
Seide als Währung
Laut Uhlig hatte die Seidenproduktion in der frühen Han-Zeit einen Umfang angenommen, der längst nicht mehr nur eigene Bedürfnisse deckte, sondern Absatzmärkte erforderte.
Dabei ging es nicht allein um Bekleidungsstoffe, sondern auch um Seide als Rohstoff für viele andere Fertigungsbereiche. Schnüre, Instrumentensaiten und Seile wurden genauso aus Seide hergestellt wie schußsichere Panzer, wasserdichte Behälter für den Transport von Flüssigkeiten, Isoliermasse; ja selbst Gefäße — wie die berühmten lackierten Seidentassen — entstanden aus dem begehrten Rohstoff.
Besonders kostbares Papier — das sogenannte Hadernpapier — wurde aus Seide gefertigt, und Seidenabfälle dienten zum Abfüttern von Winterkleidung. Doch mehr noch: Ballen feiner Rohseide wurden neben Gold und Silber zur Landeswährung, in der man Beamtengehälter und Dienstleistungen bezahlte. [Uhlig, S. 29]
Uhlig weist darauf hin, dass Seide so begehrt war, dass sie sich zu einer Art Zahlungsmittel, einer Währung entwickelte. Eine Währung, die überdies den Vorteil hatte, sich abzunutzen, wodurch eine ständige Nachfrage gesichert war. Etwas Ähnliches geschah viel später mit der Ware Opium.
Der Beruf eines Händlers genoss übrigens bis in die Neuzeit hinein kaum gesellschaftliches Ansehen in China. In alter Zeit war ihnen sogar verboten, sich selbst in Seide zu hüllen, obgleich sie doch damit handelten.
Das statische China
Zur Han-Dynastie fand sich eine nette Anekdote, die auf ein asiatisches Geschichtsbewusstsein, vielleicht auch ein Verharren in der Geschichte, hinweist, das mich als Westler sprachlos macht.
Der große General Tsukao Liang (Zhuge Liang), der im 3. Jahrhundert n. Chr. während der Regierung der Han-Dynastie lebte, wurde in China noch im 20. Jahrhundert verehrt. Dieser General lebt bis heute im Gedächtnis Chinas weiter, in Geschichtswerken und Theaterspielen.
Es gibt mehr chinesische Dramen, die auf seinen Feldzügen basieren, als auf denen irgendeines anderen Generals, und kein Theater in China kann existieren, ohne mindestens einen Schauspieler zu haben, der seine Rolle interpretieren kann. Ohne ihn wären viele chinesische Schauspieler tatsächlich arbeitslos, schrieb Tan Pei-Ying, ein chinesischer Ingenieur, der am Bau der Burma-Road beteiligt war, im Jahr 1945.
Die Geschichte des Feldherrn lautet wie folgt: Im Jahr 221 n. Chr. starb der alte Kaiser, und Tsukao (Zhuge) trat in den Dienst des jungen Kaisers, der ein ziemlicher Taugenichts war. China war zu dieser Zeit in drei mächtige Länder geteilt. Eines davon, unter der Herrschaft der Han-Dynastie, beschränkte sich auf die Provinz Szechwan im Westen Chinas mit Chengtu als Hauptstadt. Die beiden anderen Länder waren seine Feinde, und es war Tsukaos Ziel, sie zu erobern und so China zu vereinen. Aber er hatte lästige und schwierige Feinde vor seiner Haustür, bzw. im Hinterhof, nämlich die Grenzvölker. Er war klug genug, um zu erkennen, dass diese Feinde ein für alle Mal unterworfen werden mussten, bevor er sich voll und ganz der Eroberung der beiden anderen Länder widmen konnte, aber er erkannte auch, dass die Grenzvölker, wenn er sie mit Gewalt besiegte, immer wieder gegen ihn aufstehen würden. Um sie dauerhaft zu unterwerfen, mussten sie psychologisch erobert werden.
Da Tsukao sich bewusst war, dass die Kampagne langwierig und beschwerlich sein würde, bereitete er sich auf eine lange Abwesenheit von zu Hause vor. Vor seiner Abreise schrieb er dem jungen Kaiser Ratschläge nieder, die aufgrund ihrer Weisheit und ihrer schönen Sprache Eingang in die chinesische Literatur gefunden haben. Seine Briefe sind heute weit verbreitet, und viele der darin enthaltenen Grundsätze sind nach wie vor gültig. Von Chengtu aus reiste er weiter nach Tali und Hsaikwan. Ein kluger und listiger Grenzhäuptling namens Mong Hwak (Meng Huo) war bereits in den Norden Yunnans vorgedrungen, fast bis zur Grenze von Szechwan. Yunnan ist die südwestliche Provinz an der Grenze zu Burma und Vietnam, mit Zugang zum chinesischen Meer.
General Tsukao nahm den Anführer der Rebellen sieben Mal gefangen. Wo er ihn das erste und zweite Mal gefangen nahm, ist nicht überliefert, aber in Hsaikwan steht heute eine Steintafel, die den Ort markiert, an dem er zum dritten Mal festgenommen wurde. Alle waren überrascht, dass der General so viel Zeit darauf verwendete, den Rebellenführer zu fangen und ihn wieder freizulassen, übrigens jedes Mal gegen ein stattliches Lösegeld, obwohl es zu Hause so viele dringende Angelegenheiten zu erledigen gab. Zumal er ihn schon beim ersten Mal so leicht hätte beseitigen können. Aber Tsukao wusste, dass er zwar viele Grenzbewohner töten könnte, diese aber erneut angreifen würden, sobald er ihnen den Rücken gekehrt hätte, um an der Nordfront zu kämpfen.
Mong Hwak wurde zum fünften und sechsten Mal in der Nähe von Bhamo und zum siebten und letzten Mal in der Nähe von Mandalay gefangen genommen. Als er feststellte, dass Tsukao ihn auch dieses Mal nicht töten würde, kam er zu dem Schluss, dass jemand, der so nachsichtig war, ein Gott sein musste, und schwor ihm ewige Gehorsamkeit. Von diesem Zeitpunkt an verursachte der Grenzchef keine weiteren Probleme mehr. Vielleicht waren Mong Hwak die ständigen Lösegeldzahlungen aber einfach nur zu kostspielig geworden, und er fand es billiger, Tribut zu zahlen.
Als Ingenieure der Burma-Road 1938 zu den Kopfjägern kamen, um Arbeiter zu rekrutieren, fanden sie in den Hütten des Stammes Bilder von Tsukao. Er wurde immer noch als Gottheit verehrt.
Laut einer anderen Geschichte ging ein Missionar zu den Kopfjägern, in der Hoffnung, sie zum Christentum zu bekehren. Er machte dabei jedoch kaum Fortschritte, bis er auf die Idee kam, ihnen zu erzählen, dass Jesus Christus der Bruder von Tsukao sei. Danach mangelte es ihm nicht mehr an Bekehrten.
“China” gegen Mongolen alias Hunnen alias Turkvölker
Die Han-Dynastie musste bei ihrem Antritt offenbar alte Lehensträger entmachten, was somit die Vorgänger betraf - die wahrscheinlich dem geradezu sagenhaft mächtigen Qin-Kaiser ergeben waren, ein wiederkehrendes Thema auch diverser Nachfolgedynastien. Deshalb also waren die ersten Han-Herrscher anno 154 v. Chr. gezwungen, einen Bürgerkrieg gegen die „Sieben (!) Königreiche“ zu führen, was ihnen anscheinend gelang. Es folgte die Abwehr der Gefahr durch die Xiongnu unter Kaiser Wu (z.B. 119 v. Chr., verlust- und siegreicher Feldzug an den Orchon in der Mongolei).
Die nomadischen Xiongnu wirken wie Vorfahren von Dschingis Khan, jedenfalls gehörten sie zu einem der zahlreichen Mongolenstämme, und sie waren äußerst erfolgreich in der Unterwerfung anderer Steppenvölker. Sie beherrschten zwischen dem 3. Jahrhundert vor Chr. bis ins 1. Jahrhundert AD hinein weite Teile Zentralasiens, d.h., außerhalb der Mongolei Gebiete von Südsibirien bis zur westlichen Mandschurei. Diese Völklein, welche die Seidenstraße westlich der Mauer kontrollierten, werden auch als “Hunnu” bezeichnet, was doch sehr nach Hunnen klingt. Selbst bis an den Kaukasus sollen sie vorgedrungen sein. Und sie hatten recht enge Kontakte zu chinesischen Herrschern, welche wohl gelegentlich genötigt waren, auf mongolische Hilfstruppen zurückzugreifen.
Aufgrund der Gebietserwerbungen zur Zeit der Han-Dynastie wuchs die Bevölkerung des Reichs stetig an. Unterbrochen wurde die vorgebliche Einheit des Han-Reiches jedoch durch eine 65 Jahre dauernde Periode der Spaltung in ein Ost- und ein Westreich.
Der letzte Kaiser Chinas wird schließlich aus einem Manchu-Geschlecht stammen. Die Mandschurei wiederum grenzt an die Mongolei, war eines der ersten von Dschingis Khan (s.u.) eingenommen Gebiete, und auch sonst haben die dort lebenden Völker einiges gemeinsam. Gewisse Gemeinsamkeit sind auch Mongolen und zum Beispiel Tibetern, Kirgisen, Tartaren und Usbeken auf der anderen Seite der Berge des Himmels nicht abzustreiten. Fast alle waren sie Nomadenvölker oder bewohnten Oasenstädte und teilten letztendlich eine gemeinsame Kultur. Und sie kontrollierten Teile der Seidenstraße.

Was sie über die Jahrhunderte zur Zielscheibe der Ambitionen diverser Großmächte wie China und Russland machte und bei diesen Völkern selbst Begierden erweckte, welche sich in den verschiedensten Konflikten und Kämpfen um Herrschaftsgebiete entlang der Seidenstraße entluden.
Die Xiongnu werden von den Han (hinter die Mauer) vertrieben, verschwinden nach dem 5. Jahrhundert gar aus den Geschichtsbüchern und tauchen schließlich als Turkvölker wieder auf, als Tartaren oder auch Hunnen. Und natürlich als Mongolen.
Warum kahle und unwirtliche Gebiete, in denen einige Leute bis in die Neuzeit hinein immer noch in Jurten wohnen, eroberungswütige Herrscher wie den berühmten Dschingis Khan gebaren, hat sich mir nicht wirklich erschlossen, vorausgesetzt der primäre Expansionsdrang entstand nicht gerade wegen der kärglichen häuslichen Situation und der Begierden, die die reichen Karawanen der Seidenstraße erweckten. Andererseits hätten die Tibeter in diesem Fall eigentlich die Weltrangliste der Eroberer anführen müssen.
In der Realität wurde Tibet immer wieder sowohl von Mongolen als auch von Chinesen unterworfen, wobei es im 7./8. Jahrhundert mindestens eine Ausnahme von der Regel gab, als Tibet einen wichtigen Teil der nördlichen Seidenstraße kontrollierte. So berichtet Uhlig:
Eine wichtige, aber nur vorübergehende Rolle spielten im siebten und achten Jahrhundert […] die Tibeter im zentralasiatischen Gebiet der Transitwege. Sie waren damals die Herren des Tarim-Beckens. 763 hatten sie sogar die chinesische Hauptstadt Changan einnehmen können, aus der sie allerdings drei Wochen später wieder vertrieben wurden.
Chinesische Han-Kaiser verleibten dem Reich durch Unterwerfung der Yue-Volksgruppen bzw. -Königreiche (111 v. Chr. Eroberung von Kanton) und von Yunnan große Stücke des Südens ein. In Erinnerung zu behalten ist, dass der Zugang zum chinesischen Meer eine nicht geringe Bedeutung für den Handel hatte, auch wenn ein späterer Kaiser behauptete: “Wir besitzen Alles”.
Dschingis Khan und die mongolischen Horden
Nun war weiter oben viel von der Seidenstraße die Rede. Erst im Zuge der Recherchen begann ich zu verstehen, welche Rolle die Mongolenherrschaft während des 13. und 14. Jahrhunderts in Zusammenhang mit Seidenhandel und Seidenstraße spielte.
Eine Erkundung der Historie Asiens, und sei sie noch so unvollständig, kann natürlich ohne eine Erwähnung des sagenhaften Mongolenfürsten Dschingis Khan nicht auskommen, was so kurz wie möglich in Relation zur Seidenstraße und der Eroberung großer Teile Chinas behandelt werden soll.
Der legendäre Dschingis Khan tat anfangs nichts anderes, als die Kontrolle über die Seidenstraße von ihrem Anfang bis in die Ferne zu einem unbestimmten Ende im Westen zu übernehmen. Im Zuge der Kriegszüge der Mongolen kam es jedoch zunächst, Anfang des 13. Jahrhunderts, zu einer Unterbrechung des alten Handels. Dies begünstigte wahrscheinlich die Etablierung neuer Seidenstraßenrouten.
Unten zu sehen ist eine Übersicht über die Eroberungszüge des Dschingis Khan und seiner Stellvertreter.

Pax Mongolica und Ende der Mongolenherrschaft
Ab ca. 1219 hatten die mongolischen Horden im Osten ihr Herrschaftsgebiet auf den Norden Chinas ausgedehnt, und sie sorgten fortan für die Sicherheit der Karawanen. Es heißt, dass Dschingis Khan für einen Begleitschutz der Händlerkarawanen sorgte, um deren Sicherheit zu gewährleisten. Diese Politik wurde auch unter seinen Nachfolgern, z.B. dem mächtigen Ogodei Khan, fortgesetzt.
Unter der Herrschaft von Ogodei Khan wurde das Mongolische Reich zum größten zusammenhängenden Landreich der Geschichte (UNESCO 1988b). Historischen Quellen zufolge stellte König Ogodei Soldaten entlang der Seidenstraße auf, pflanzte Bäume auf beiden Seiten der Straße, um Schatten zu spenden, und führte einheitliche Maße und Gewichte ein, um die Sicherheit der Händler auf der Seidenstraße zu gewährleisten.
Diese Phase wird auch als “Pax Mongolica” bezeichnet. In einem Artikel heißt es hierzu:
Es lässt sich schlussfolgern, dass Dschingis Khan die Kontrolle über die Seidenstraße übernahm und die Sicherheit der Händler gewährleistete, was erheblich zur Ausweitung der Handelsbeziehungen zwischen dem Westen und dem Osten beitrug. Darüber hinaus ist diese Situation in der Weltgeschichte als „Pax Mongolica” verzeichnet. Die Pax Mongolica, lateinisch für „mongolischer Frieden”, beschreibt eine Zeit relativer Stabilität in Eurasien unter dem Mongolischen Reich im 13. und 14. Jahrhundert. Die Pax Mongolica brachte den Menschen, die in den eroberten Gebieten lebten, eine Zeit der Stabilität (National Geographic Society 2022). [resarchgate.net]
Die Ausdehnung des Mongolen-Reiches bis ca. 1279 ist auf der nächsten Übersicht zu sehen.
Die Ming-Dynastie (1368- 1644) löste die mongolische Yuan-Dynastie ab und begann in den letzten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts mit der Rückeroberung verlorener Gebiete. Langsam aber sicher zeichnete sich der Untergang des Mongolenreiches ab. Die Demütigung der Eroberung durch die Mongolen wurde von den Han-Herrschern nie vergessen.
Nach dem Tod eines Enkels von Dschingis Khan 1449 rückten auch noch die moslemischen Usbeken von Westen her vor, bald schon war die Sicherheit der Karawanen nicht mehr gewährleistet, die nun gezwungen waren, Eskorten anzuheuern, was den Preis der Waren nach oben trieb. Zur selben Zeit fiel Konstantinopel an die Ottomanen, also Türken, was 1453 das Ende des byzanthinischen Imperiums bedeutete. Der komplette Ost-Westhandel über Land führte ab dieser Zeit durch von Ottomanen kontrollierte Gebiete. Zusätzliche Kosten durch Zölle und Steuern fielen an und bedeuteten eine weitere finanzielle Belastung für die Händler, weshalb die europäischen Handelsmächte nun verstärkt nach Alternativen zu forschen begannen. Die Ära der großen portugiesischen und spanischen Seefahrer und der maritimen Forschungs- und Handelsexpeditionen hatte begonnen.
Admiral Zheng He und die chinesische Schifffahrt
Die Bedeutung des Überseehandels per Schifffahrt und der Bau hochseetauglicher Schiffe wurde seitens der chinesischen Kaiser lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt, gewisse chinesische Herrscher sahen es sogar als nicht besonders erstrebenswert an, das feste Land zu verlassen. Unter anderem aus diesem Grund wurde der Aufbau einer schlagkräftigen modernen Kriegsflotte von den Kaisern Anfang des 19. Jahrhunderts vernachlässigt, bzw. zunächst nicht einmal in Betracht gezogen.
Hierzu ist eine kurze Anmerkung angebracht. In späteren Zeiten versagte die chinesische Kriegsmarine schmählich gegen die Küstenpiraten und erst recht gegen die Briten mit ihren gepanzerten Kanonenschiffen, wozu wir noch kommen. Einst jedoch, zu Beginn des 15. Jahrhunderts, war es einem Mingkaiser Yongle ein Anliegen, eine Flotte von Schatzschiffen zu bauen, um damit den Einflussbereich Chinas auszudehnen und nach der Fremdherrschaft der Mongolen wieder als ein mächtiges Land zu erscheinen. Er ernannte den Eunuchen Zhang He zum Admiral und befahl ihm eine Flotte zu bauen.
Insgesamt brachen letztlich 5 riesige Expeditions- und Handelsflotten auf. Die erste Schatzflotte bestand aus 62 Schiffen. Im Herbst 1405 lief sie mit 27.800 Mann Besatzung aus. Eine beeindruckende Menge an Booten und Dschunken ankerte demnach vor den Küsten der fremden Länder. Allein schon diese unübersehbare Präsentation von Macht dürfte einige Fürsten auf der Strecke zu Tributen veranlasst haben. Expeditionen vergleichbarer Stärke folgten nach. Die Routen lassen sich auf folgender Karte nachvollziehen:
Zu sehen ist, dass die Flotten nur selten gezwungen waren, größere Entfernungen fernab des schützenden Landes zurückzulegen. Und das ist auch ein Merkmal der chinesischen Kriegsflotte im 19. Jahrhundert, als diese Flotte von Europäern gedemütigt und dezimiert wurde. Dies lag nicht alleine nur an einigen neuen gepanzerten Dampfkanonenbooten der Engländer, sondern war insbesondere auch dem schiffstechnischen Stillstand seit Zeiten des Admirals zuzuschreiben.
Die Flotten Zheng Hes (1371-1434) bestanden aus Schiffen verschiedener Bauweise, darunter riesigen Dschunken, der einzige große Segelschifftyp ohne Kielkonstruktion. Um den sich daraus ergebenden Nachteil der Seitendrift beim Segeln schräg zum Wind zu kompensieren, erhielten sie zwei Seitenschwerter, die in gewissem Maße die Funktion des Kiels ersetzten: Je nach Wassertiefe und Richtung des Windes lassen sie sich anheben und senken. [wikipedia.de]
Sieht man sich aber einmal eine normale Dschunke an, ohne die erwähnten Seitenschwerter, gleicht diese einem plumpen Kahn mit einem Haus drauf, eher geeignet für die Flussschifffahrt oder ruhige Küstengewässer. Die Hochseetüchtigkeit der Dschunken bei schwierigen Bedingungen darf bezweifelt werden und ähnliche gravierende Nachteile ergaben sich auch für die Manövrierfähigkeit. Dschunken hatten in flachen Gewässern jedoch einen Vorteil: sie haben einen geringen Tiefgang. Neue, kleinere, flachgehende britischen Kanonenboote trugen entscheidend zur Eroberung der Inlandsgewässer durch die Briten bei.
Erwähnt werden muss hier zumindest am Rande, dass die Chinesen Weltmeister im Kanalbau waren. Ein großer Teil Chinas ist von großen Flüssen durchzogen, und diese wurden durch meisterhafte Bauarbeiten mit einem Netz von Kanälen und Schleusen verbunden. Die breitesten dieser Kanäle sollen wohl an die 300 Meter breit gewesen sein.
Nach Admiral Zhengs Tod verlor China seinen Status als große Seemacht, das Reich der Mitte ergab sich fortan vorwiegend der Nabelschau. Chinas Kaufleute setzten den Handel zwar fort, jedoch ohne offizielle Unterstützung des kaiserlichen Hofes.
Weiterhin wird in der Geschichte noch eine Rolle spielen, dass die Völker im Süden Chinas, die die Häfen des südchinesischen Meeres beherrschten, lange Zeit traditionell eine gewisse Unabhängigkeit vom Rest des Reiches behaupteten, ebenso wie die Warlords im Westen Chinas (z.B. im unwegsamen Grenzgebiet zu Burma) bis in die Neuzeit hinein eine gewisse Autonomie genossen.
Eine lange Geschichte kurz gemacht
China rühmt sich zwar einer extrem langen Geschichte, doch war das ideale Reich häufig geteilt, in 2, 3, 7 oder gar 12 Königtümer, von Aufständen und kaiserlichem Familienzwist zerrissen, durch Palastintrigen geschwächt, von Mongolen erobert, usw., von Einigkeit kann also lange Zeit nicht (jedenfalls nicht ständig und überall) die Rede sein.
Von der Vorstellung, dass in “China” wenigstens seit Beginn des 1. Jahrtausends ein streng zentralistisch beherrschtes, geordnetes Staatswesen existierte, gelte es sich zu verabschieden, so Uhlig sinngemäß. Und weiter:
Die Zentralisierung existierte genauso wie die Mittelpunktsvorstellung zwar als Idee, an die man in der Hauptstadt wohl auch glaubte. Der tatsächliche Einfluß des Hofes aber war schon einige hundert Kilometer von Changan entfernt recht gering und bestand in Gebieten wie Szechuan und Gansu nur noch in der Anwesenheit chinesischer Repräsentanten, deren Interessen allerdings mehr auf die eigenen Gewinne als auf das Kaiserhaus gerichtet waren.
Gewisse Grundzüge des nachfolgend beschriebenen Systems, das zur Zeit der Han-Dynastie entstand, sind selbst noch während der Regierungszeit des letzten chinesischen Kaisers und darüber hinaus erkennbar. Wobei das System weder neu noch besonders originell ist. Letztendlich geht es darum, dass Loyalität erkauft werden musste. Es ist das klassische Modell eines Top-Down-Systems, dem römische Kaiser ebenso nacheiferten wie Päpste und modernere Imperien.
Die Männer, die China in den Provinzen fern von Changan vertraten, waren nicht nur Steuereinnehmer des Kaisers, sie verfügten auch über eine begrenzte militärische Macht. In angrenzenden Vasallengebieten waren sie außerdem zum Eintreiben der vom Hof festgesetzten Tribute berechtigt. Die Gouverneure und Statthalter in den Provinzen verfügten somit über eine gewisse Macht, die dem Kaiser unter Umständen gefährlich werden konnte.
Dem beugte der Kaiser einmal durch ein geschicktes System der Doppelbesetzung wichtiger Posten vor, das sich besonders in der späteren Zeit der Tang-Herrscher durchsetzte. Aber auch ein nie ganz eindeutig festgelegter, hoher Anteil an den Steuereinnahmen und eine gute Bezahlung sorgten bei Chinas Statthaltern für jenes Maß an Kaisertreue, das erforderlich war, um ein so riesiges Gebiet zusammenzuhalten. [Uhlig]
Das System funktionierte wie folgt: An der Spitze der Hierarchie stand der Kaiser mit unbeschränkten Vollmachten. Niemand kann jedoch ein Reich, und sei es noch so klein, alleine verwalten, jeder Diktator braucht Personal. Der Kaiser vergab also lukrative Regierungsposten an hoffentlich loyale Mandarine, heißt einflussreiche Leute, die in der Regel auch über eine eigene Streitmacht verfügten und Kontrolle über dieses oder jenes Gebiet ausübten. Diese erkauften sich wiederum desgleichen Loyalität von ihren Untergebenen durch die Vergabe von administrativen Posten, welche in irgendeiner Weise die Befugnis beinhalteten, Steuern und Zölle zu erheben. Usw. Wovon ein festgelegter Teil des Geldes an den Gouverneur oder Mandarin ging, die wiederum einen Teil an den Kaiser sandten. Dass jedes der Zwischenglieder der chinesischen Administration, vom Majordomus aufwärts bis zum Kriegsherren, bestrebt war, so viel wie möglich aus der jeweiligen Position herauszuschinden und abzuzweigen, wurde sozusagen stillschweigend akzeptiert und war Teil des Systems, öffnete aber Tür und Tor für eine korrupte Bürokratie, die das Reich nicht selten in seiner Geschichte zu einem völlig ineffektiven Apparat werden ließ.
Wenn ein Beamter sich das Missfallen des Kaisers zuzog, bestand die mildeste Form der Bestrafung in einer Degradierung oder Entsendung des Übeltäters in eine ferne Provinz, was einer drastischen Kürzung des Einkommens gleichkam. Im ungünstigsten Fall kostete das In-Ungnade-fallen natürlich den Kopf.
Die Grenzstädte im Wilden Westen
Der Handel Chinas mit Mongolen und anderen Grenzvölkern im Norden und Westen wurde über die Grenzstädte abgewickelt. Die Militärstützpunkte im Westen und Norden entwickelten sich in Folge zu Handelsposten.
Insbesondere in den Grenzgebieten wurde Seide zu einem wichtigen Zahlungs- und Belohnungsmittel. Denn die Beamten im Westen und Nordwesten des Landes konnten die ihnen in Seidenballen ausgezahlten Bezüge meist schnell und mit gutem Gewinn an die angrenzenden Nomadenvölker oder auch an die aus dem Westen kommenden Kaufleute weiterverkaufen. Dadurch entstand für alle, die an diesem Handel beteiligt waren, eine Art Zinsgewinn. Weil Seide so begehrt war, konnten chinesische Händler und die Beamten die Preise allerdings auch in die Höhe treiben, indem sie ein Monopol bildeten.
Laut eines alten chinesischen Textes “Gedanken über Salz und Eisen” waren sich die Han-Händler bewusst darüber, wie sie den eigenen Profit erhöhen konnten, indem sie die Preise für Seide, Porzellan etc. anhoben.
„Indem man Dinge, die viel Hunnu-Gold wert sind, mit einem kleinen Stück chinesischer Seide eintauscht, werden die Ressourcen des feindlichen Landes erschöpft. Und so strömten Esel, Maultiere und Kamele an die Grenze, Pferde und gefleckte Pferde wurden zu unserem Viehbestand, und Zobel, Murmeltiere, Füchse, Dachse, Filze und Steppdecken gelangten in unsere heimische Schatzkammer, und Jade, Korallen und Kristalle wurden zu unseren Schätzen.“
Die chinesischen Offiziellen der Handelsposten an der Grenze stockten ihr Einkommen auf diese Weise erheblich auf, was zu Willkür und Korruption führte. Gewissermaßen wurden die Mongolen ein ums andere Mal übervorteilt, auch eine Form von Verrat, was vielleicht dazu beitrug, den Zorn und Begierde von Händlern und Herrschern jenseits der Mauer gleichermaßen anzuheizen.
Hier noch ein Hinweis darauf, dass von Einigkeit des Reichs der Mitte auch mal längere Zeit keine Spur zu sehen war:
Um die Anerkennung als Sohn des Himmels bemühten sich nach 220 n. Chr. Angehörige verschiedener Dynastien. Die Folge war der Zerfall Chinas in drei Reiche — Wei, Wu und Shu Han —, von denen jedes für sich den Anspruch der legitimen Nachfolge des Han- Imperiums erhob. [Uhlig, S. 168]
Diese Zeit der Teilung dauerte etwa dreihundertsechzig Jahre. Nach dieser Zeit scheint sich der Konfuzianismus als kaiserlich akzeptierte Religion durchgesetzt zu haben.
Die Manchu-Dynastie
Machen wir nun einen großen Sprung nach vorne, denn ich habe tatsächlich nicht die Absicht, die lange Geschichte Chinas neu aufzurollen, und kommen wir direkt zur Manchu-Dynastie, welche die Ming-Dynastie ablöste. In der Ming-Zeit (während der Ära Hongwu) wurde die Hauptstadt von Peking nach Nanking verlegt. Ich habe es übrigens aufgegeben zu zählen, wie oft diverse “Hauptstädte” immer mal wieder verlegt wurden.
Die Ming-Dynastie hatte mit inneren Unruhen, wirtschaftlichem Kollaps und Hungersnöten zu kämpfen, und bat die Manchu, ein Volksstamm aus dem Nordosten, bei der Befriedung der Rebellionen zu helfen. Doch anstatt wieder abzuziehen, blieben die Manchus im Land und übernahmen die Herrschaft, nachdem sie zuvor bereits Korea unterworfen hatten. Die neue Dynastie legte sich den Namen Qing zu. Hier ein paar Details zu den Mandschuren:
Zu den Ureinwohnern der Mandschurei zählten überwiegend Jurchen, die Vorfahren der Mandschu. Von letzteren leitet sich der Name der Region ab, der sich im 19. Jahrhundert eingebürgert hat. Die alte chinesische Bezeichnung ist 關外, Guānwài (wörtlich übersetzt: „außerhalb des Passes/der Grenze“). Vermutlich ab dem 12. Jahrhundert, spätestens ab der Yuan-Dynastie [das waren die Mongolenherrscher, C.B.] gehörte die Provinz als fester Bestandteil zum Kaiserreich China. 1616 vereinigte Nurhaci die Mandschu-Stämme und begründete die Mandschu-Dynastie.
Die Bezeichnung Jurchen lehnten die Mandschuren künftig ab, weil dieser Begriff zu sehr mit der schmachvollen Eroberung durch die Mongolen verknüpft war.
Nach seinem Tod änderte sein Sohn Huang Taiji den Namen 1636 in Qing (wörtlich übersetzt: „rein“), welcher von 1644 bis 1912 zur Bezeichnung der von den Mandschu geführten chinesischen Kaiserdynastie wurde. In der gesamten Mandschurei galt bis 1859 für Han und andere chinesische Volksstämme eine Zuzugsperre. [globalhistory.de]
Die Manchu-Dynastie etablierte sich somit etwa 1644. Kang Hi bzw. Kanxi (1654 oder 1662-1722), einer der ersten Manchu-Qing-Kaiser, gliederte während seiner Amtszeit das Mongolenreich, Formosa und Tibet in das Reich ein.
Diese Mongolen neigen offenbar, wie wir gesehen haben, seit jeher zu einiger Unabhängigkeit und mussten immer mal wieder eingegliedert werden, wenn sie nicht gerade selbst die Oberhand über “China” hatten. Zur Zeit der Qing-Dynastie wurde die militärische Elite-Truppe von Mandschuren und Mongolen eingeführt, die sogenannten Bannerträger, die hauptsächlich zum Schutz der Mandschurei und der größeren Städte abgestellt waren. Der große Rest des Heeres bestand aus Han-Chinesen.
Klaus Mühlhahn preist in die Geschichte des modernen China die Hochzeit der Qing-Dynastie wie folgt:
Die Hochzeit der Qing war eine Zeit der sozialen Ordnung, der materiellen Pracht, der relativen kulturellen Verfeinerung, des technologischen Fortschritts und der kontinuierlichen territorialen Expansion. Das Qing- Reich erlangte politische Kontrolle über die Mandschurei, die Mongolei, das chinesische Turkestan, Tibet und China sowie die Staaten, die die Herrschaft der Qing im Rahmen des Tributsystems […] anerkannten. Mit anhaltenden Kampagnen in Südost- und Zentralasien wurde die territoriale Expansion weiter forciert. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts konnte sich die Qing-Dynastie in jeder Hinsicht mit den expandierenden eurasischen Reichen vergleichen, einschließlich des russischen Reiches und möglicherweise auch des britischen Reiches. Die Qing verfügten über fortgeschrittene Schießpulverwaffen, beherrschten die Kartenherstellung, wandten diplomatische Techniken an und erfassten Daten. […] Das chinesische Imperium zeichnete sich durch eine hochentwickelte zentrale Führung und bürokratische Organisation aus. In dieser Zeit war das Qing-Reich das größte aller Landimperien und eines der mächtigsten der Welt. [Mühlhahn, S. 71]
Die East India Company, Macau und das Opium
Ausgerechnet die Manchu/Qing-Regierung erließ 1729 unter Kaiser Yongzheng (1722–1732) ein Opiumrauchverbot, 1796/1800 wurde dieses Verbot abermals erlassen und der Import von Opium verboten, möglicherweise auch in der Absicht, das eigene Opium-Monopol zu schützen. Tatsächlich war die Steuer auf Opiumverkäufe eine willkommene Einnahmequelle für den einen oder anderen Gouverneur. In wie weit die Kaiser bei ihren Verbotsaktionen Unterstützung durch den Hof und die kaiserlichen Beamten erhielten, ist ein wenig unklar. Es galt: Der Kaiser befahl, und diesen Befehl galt es auszuführen, was auch immer es sei. Offener Protest war am kaiserlichen Hof zu keiner Zeit allzu populär, eine Situation, die umso mehr das Intrigantentum förderte.
Der Kaiser des Reichs der Mitte von 1732 -1792 war Qianlong aus der Qing-Dynastie und der sprach:
„Wir besitzen alles“

All das hinderte britische Geschäftsleute nicht, die Droge nach China einzuführen. Das Geschäftsfeld bot sich wahrscheinlich an, weil der Genuss von Opium u.a. auch zu Heilzwecken in China auf eine längere Tradition zurückblickte. Es wurde traditionell verwendet, um Durchfall zu heilen, als Schlafmittel, als Schmerzmittel bei Krankheiten wie Ruhr und Cholera. Der Schlafmohn wurde zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert von arabischen Händlern eingeführt und über Jahrhunderte, lange vor der Ankunft der East India Company in Asien, in großem Umfang angebaut.
Jedoch wurde der Opiumhandel per Import aus dem Ausland erst in den letzten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts durch britische Händler zu einem boomenden Geschäft. Die East India Company hatte 1757 die Vorherrschaft über Ostindien erlangt und 1773 ein Monopol auf den Opiumanbau in Bengalen, einer der Hauptanbauregionen für Opium in Indien, das 1797 auf alle indischen Regionen unter britischer Herrschaft ausgedehnt wurde.
Verhältnismäßig geringe Mengen Opium, in der Regel nicht mehr als 200 Kisten pro Jahr, wurden bereits seit vielleicht schon 200 Jahren durch portugiesische Händler über Macau legal in China eingeführt, hauptsächlich zu medizinischen Zwecken. Portugal gehörte zu den ersten westlichen Nationen, die direkten Handel mit China betrieben, seit 1513 oder 1517 die erste portugiesische Fregatte vor Macau vor Anker ging. Macau erhielt im Lauf der Zeit einen speziellen Sonderstatus und einen portugiesischen Gouverneur, blieb aber trotz alledem chinesisches Hoheitsgebiet.
Macau (Macao) bezeichnet eine der Küste vorgelagerte Insel westlich der Einfahrt zu einer riesigen Bucht, an deren Ende der Hafen von Guangzhou/Kanton liegt, der auch für die großen Handelsschiffe geeignet war.
Guangdong, was wohl die Region bezeichnet, und die Hafenstadt Guangzhou blickten auf eine beinahe ebenso lange Geschichte des Handels mit Europäern zurück wie Macau. Infolgedessen machte die Britische Ostindien-Kompanie, die das Monopol auf den britischen Handel mit China hatte, Guangzhou ab ca. 1637 zu ihrem wichtigsten chinesischen Anlaufhafen, andere westliche Handelsgesellschaften folgten bald ihrem Beispiel.
Als die Briten jedoch versuchten, außerhalb von Guanghzhou, in einigen nördlichen Häfen Handel zu betreiben, erließ der Kaiser 1757 ein Dekret, in dem er ausdrücklich anordnete, dass Guangzhou der einzige für den Außenhandel erlaubte Hafen sein sollte (was aber Macau nicht mit einschloss). Dies hatte eine Verschärfung der chinesischen Vorschriften für ausländische Händler zur Folge und ein System, das als “Kanton-System” bezeichnet wurde.
Das “Kanton-System”, Opium und die Rolle Macaus
Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die westlichen Händler und Diplomaten vom Kaiser und seinen Beamten quasi unter Quarantäne gestellt wurden, als ob sie Träger von ansteckenden Krankheiten seien, die es zu isolieren galt. Komisch ist das deshalb, weil sich doch seit alters her die Meinung unter Europäern gehalten hat, dass Krankheiten wie Pest, Pocken und Lepra aus China nach Europa eingeschleppt worden seien.
Ausländer unterlagen daraufhin zahlreichen strengen Vorschriften, darunter das Verbot ausländischer Kriegsschiffe in chinesischem Gebiet, das Verbot von Schusswaffen und eine Vielzahl von Einschränkungen der persönlichen Freiheit der Kaufleute. Nicht nur waren sie in Guangzhou auf ein kleines Flussufergebiet außerhalb der Stadtmauer beschränkt, wo sich ihre 13 Lagerhäuser oder „Fabriken” befanden, sondern es wurde ihnen sogar untersagt, ihre Frauen mitzunehmen. Des weiteren unterlagen die Kaufleute in Kanton dem chinesischen Recht, nach dem ein Gefangener bis zum Beweis der Unschuld als schuldig galt und oft Folter und willkürlicher Inhaftierung ausgesetzt war.
Das sogenannte “Kanton-System” funktionierte wie folgt:
Die Qing-Dynastie ernannte Handelsfirmen, denen im Gegenzug für die Zahlung einer hohen Gebühr an die Behörden das Monopol für den gesamten Handel mit China gewährt wurde. Die Handelsgilde oder Hong (Hang in Pinyin) wickelte den Handel zwischen China und dem Westen ab. Die Cohong-Kaufleute mussten für jedes ausländische Schiff, das in den Hafen einlief, bürgen und die volle Verantwortung für alle mit dem Schiff in Verbindung stehenden Personen übernehmen. Im Gegenzug war die East India Company gegenüber dem Cohong für alle britischen Schiffe und Besatzungsmitglieder verantwortlich. Die beiden Regierungen Großbritanniens und Chinas hatten somit keine direkten Beziehungen zueinander, sondern standen nur über die vermittelnden Handelsgruppen in Kontakt. [britannica.com] Erinnert sei daran, dass das Händlergewerbe in China lange Zeit einen sehr geringen Status besaß.
Das Alles führte dazu, dass sich die meisten Diplomaten und europäischen Händler nach Macau absetzten, dessen europäische Bevölkerung stetig wuchs. Angezogen vom Reichtum der Kolonie und der Aussicht auf Arbeit kamen aber auch die Chinesen, und da Macau formell immer noch chinesisches Hoheitsgebiet war, konnte die portugiesische Administration schlecht etwas dagegen einwenden. Einzelne Hausbesitzer versuchten chinesische Mieter mit rüden Methoden zu vergraulen, bis sich der chinesische Gouverneur schließlich genötigt sah, ein Dekret zu erlassen, das es Hausbesitzern verbot, die Mieten für chinesischen Mieter zu erhöhen, wenn diese für einen bestehenden Mietvertrag bereits Miete gezahlt hatten. Die Europäer mussten sich letztendlich mit einer schnell wachsenden chinesischen Bevölkerung in Macau arrangieren.
Die chinesischen Behörden versuchten diesen Prozess gleichfalls zu verhindern, zumal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch noch ein anderes Phänomen hinzukam. Länder wie Portugal oder Amerika suchten wegen des versiegenden Nachschubs an afrikanischen Sklaven und der allgemeinen Ächtung der Praxis der Sklaverei nach dem Wiener Kongress zunehmend andernorts billige Arbeitskräfte, welche die Sklaven ersetzen sollten. Diesen Ersatz fanden sie in China.
Horden chinesischer “Kulis”, die kaum besser dran waren als die offiziellen schwarzen Sklaven und oft auch mit diesen zusammen arbeiteten, waren z.B. beim Bau der Eisenbahnstrecken in den USA tätig, sollten in Brasilien eingesetzt werden (vertrugen aber das Klima nicht), und noch um 1900 herum wurden Chinesen unter erbärmlichsten Bedingungen in den Kongo und nach Südafrika verschifft, um dort in den Minen für einen unterirdischen Lohn zu schuften. Chinesische “Kulis” wurden zu den modernen Sklaven. Viele von ihnen wurden über Macau ausgeschifft.
Im Jahr 1767 betrug die importierte Opiummenge immer noch nicht mehr als etwa 1.000 Kisten. 1773 verschifften britische Händler das in Indien produzierte Opium nach China und verkauften es offen in den ausländischen Firmen in Kanton, wodurch die Menge der importierten Droge dramatisch anstieg. Es wurde schnell zum wichtigsten Handelsgut, das von Indien nach China verschifft wurde. Um die katastrophale Verbreitung dieser schädlichen Droge einzudämmen, verbot die Qing-Regierung 1796 die Einfuhr von Opium und 1799 strengstens das Opiumrauchen. Angesichts dieser Situation, und um den florierenden Teehandel nicht zu gefährden, hielten es die britischen Kaufleute für töricht, weiterhin Opium nach Kanton zu verschiffen, und beschlossen, Macau als Kanal für den Schmuggel von Opium nach China zu nutzen. [macaudata.mo]

Allerdings hatten die kaiserlichen Anordnungen mit Widerständen zu kämpfen, der aus den Reihen derjenigen kam, die am Geschäft verdienten. Um die kaiserlichen Edikte zu umgehen, entwickelten sch Schmugglernetzwerke, während Provinzen im Südwesten weiterhin Opium anbauten. Ähnlich gestaltete sich die Politik 140 Jahre später, als die Franzosen in Vietnam den Zustrom chinesischen Opiums zu verhindern suchten, um das eigene Monopol zu schützen.
Gerangel zwischen Portugal und Großbritannien
Um nicht auch noch den boomenden Teehandel zu gefährden, stellte Großbritannien zunächst den direkten offenen Handel mit Opium ein und verkaufte stattdessen an indische Zwischenhändler, die es dann weiterverkauften. Die Company vergab Lizenzen an Privathändler, die den illegalen Teil des Geschäfts übernahmen, nämlich den Opiumschmuggel nach Guangzhou, das abgesehen von Macau der einzige chinesische Hafen war, welcher für den Handel mit Ausländern geöffnet war.
Diese Vorgehensweise der britischen Opium-Transporteure dürfte sich wohl ebenso auch in Macau eingespielt haben. Der Vorteil in Macau war, dass die portugiesischen Schiffe von chinesischen Zöllner nicht inspiziert wurden.
Die Schmuggler nutzten diese Gesetzeslücke aus, versteckten Opium im Laderaum portugiesischer Handelsschiffe und brachten es heimlich nach Macau. Die portugiesischen Behörden duldeten den Opiumschmuggel, da er den portugiesischen Kaufleuten nicht nur Gewinne einbrachte, die ihnen dringend benötigtes Geld für den Export chinesischer Waren nach Brasilien und Europa verschafften, sondern auch den portugiesischen Zollbehörden beträchtliche Steuereinnahmen bescherte.
Um diese Einnahmen zu sichern, übten die portugiesischen Behörden strenge Kontrolle über den nicht versteuerten also illegalen Opiumhandel aus. Anfangs waren Armenier in diesem Handel sehr aktiv. Sie mieteten portugiesische Handelsschiffe oder britisch-indische Schiffe, um Opium von Kalkutta nach Macau zu transportieren. Weshalb die Portugiesen sich darum bemühten, Armeniern die Ausreise aus Indien auf portugiesischen Handelsschiffen zu verbieten.
Zwischen Portugal und Großbritannien kam es fortan zu einem Gerangel um das Opium-Geschäft. 1802 ordnete der portugiesische Prinzregent an, dass nur portugiesische Kaufleute Opium nach Macau einführen durften. Die Anordnung wurde allerdings nicht ausgeführt. Auffällig ist nun, dass 1802 ein britisches Expeditionsschiff vor Macau aufkreuzte, was wiederum bei chinesischen Offiziellen bis hinauf zum Kaiser einige Aufregung verursachte. Nach überraschend kurzer Zeit setze das Schiff wieder Segel und verschwand. Informanten berichteten, dass das britische Schiff Informationen über den Hafen und die Verteidigungsanlagen eingeholt hätte.
Bedrohung durch Piraten im südchinesischen Meer
Zu dieser Zeit entwickelte sich die Piraterie im chinesischen Meer zu einer echten Plage, wovon insbesondere die Versorgung von Macau und Ghuazedong betroffen war.
Im Kampf gegen die Angriffe durch Piraten arbeiteten portugiesische und chinesische Behörden manchmal zusammen oder erbaten Unterstützung von der jeweils anderen Administration. Für jede erbetene oder gewährte Unterstützung versuchten die portugiesischen Offiziellen weitere Zugeständnisse bezüglich alter und neuer Privilegien zu erreichen.
Im Jahr 1804, als das chinesische Opiumverbot gerade etwas gelockert worden war, schickten einige britische Opiumhändler, die die Portugiesen umgehen wollten, Opium direkt nach Schanghai. Ein Jahr darauf erhob die Ostindien-Kompanie eine zusätzliche Gebühr von 20 % auf portugiesische Handelsschiffe, die nach Kalkutta fuhren, um britischen Handelsschiffen, die Opium nach China schmuggelten, einen Vorteil zu verschaffen.
Diese zusätzliche Steuer erzürnte die portugiesischen Behörden sehr. Sie beschuldigten die Briten, den Interessen Macaus zu schaden, und reagierten mit einer Vergeltungsmaßnahme, indem sie allen nicht-portugiesischen Handelsschiffen untersagten, Opium in Macau zu entladen. Schließlich milderten beide Seiten nach einer Vermittlung ihre Konflikte und einigten sich darauf, dass die Briten fortan, wenn sie Opium in Macau lagerten und verkauften, portugiesische Agenten hinzuziehen und ihnen eine Provision zu zahlen hätten.
Ebenfalls 1804 hatten die Plünderungen der Piraten immer gravierendere Auswirkungen auf Macau und den Handel zwischen China und den westlichen Ländern. Die Britische Ostindien-Kompanie forderte wiederholt, Kriegsschiffe zu entsenden, um die Qing-Regierung bei der Bekämpfung der Piraten zu unterstützen. Auf Ersuchen der Behörden von Guangdong begannen die portugiesischen Behörden, der chinesischen Marine große Mengen an Waffen und Munition zu vermieten, um eine weitere Ausbreitung des britischen Einflusses in China zu verhindern. [macaudata.mo]
Im Juni 1805 entführten die Piraten ein kleines Boot, das einige Portugiesen aus Vietnam gekauft hatten, und forderten ein Lösegeld von 1.500 Silberdollar, Opium, Stoffen und anderen Gegenständen. Im August desselben Jahres wurden zwei in Macao lebende Amerikaner auf ihrem Weg nach Kanton per Boot von Piraten angegriffen. Durch Glück gelang ihnen die Flucht, doch sie mussten ihre Waren und ihr persönliches Eigentum zurücklassen. Im Dezember 1806 wurden ein britischer Offizier und mehrere Seeleute und Füsiliere, die mit einem kleinen Boot nach Macao unterwegs waren, um einen Lotsen anzuheuern, von Piraten gefangen genommen. Letztendlich mussten die Briten 9.000 Silberdollar für die Freilassung der Entführten zahlen. [s.o.]
Zweieinhalb Jahre später versuchte eine große Gruppe von Piraten sogar Macau direkt einzunehmen und das Fort anzugreifen. Der Angriff wurde abgewehrt. Da Piraten jedoch immer häufiger in der Nähe von Macau auftauchten und direkt für Macau bestimmte Versorgungsschiffe angriffen, verursachten sie beispiellose Störungen in der Stadt. Einige chinesische Stellen hielten nicht viel von der Kampfkraft der Portugiesen, da deren Schiffe sich nicht dazu eigneten, die Piraten in flachere Gewässer zu verfolgen. Dank eines heldenhaftem Kampfes des portugiesischen Kommandeurs Baretto, der mit nur 3 Schiffen eine Flotte von 50 Piratenschiffen in die Flucht schlug, wurden diese Zweifler jedoch eines besseren belehrt.
Die Piraten gruppierten sich neu und hatten bald wieder eine Flotte im Einsatz. Portugal und China mussten weitere Verluste hinnehmen.
Die Reihen der Piraten der „Roten Flagge“-Gruppe wurden in diesen Jahren durch 600 Dschunken und 80.000 Anhänger verstärkt. Der Anführer, Zhang Bao, erklärte, er wolle die Qing-Dynastie stürzen und eine neue Dynastie der Han-Nationalität errichten. Viele Menschen in Guangdong begannen, sie als „Aufstandsarmee“ zu betrachten und nahmen Kontakt zu ihnen auf.
Die Regierungstruppen von Guangdong erlitten unterdessen eine Niederlage nach der anderen. Im Sommer 1809 führte Sun Quanmou, der Provinzkommandant der Marine von Guangdong, seine Flotte in die Schlacht gegen die „Rote Flagge“-Bande, erlitt jedoch trotz anfänglicher Erfolge erneut eine schwere Niederlage. Einen Monat später verlor Xu Tinggui, der Kommandeur der linken Division, bei einem Angriff von Zhang Bao in Weijiamen sein Leben und fünfundzwanzig seiner besten sechzig Kriegsschiffe. Angesichts dieser ernsten Herausforderung hatte Vizekönig Bai Ling keine andere Wahl, als erneut die Hilfe der Ausländer in Anspruch zu nehmen.
Unter dem Versprechen der Amnestie, das auch gehalten wurde, ergab sich Zhang Bao schließlich im Jahr 1810, zusammen mit 16000 Männern, 5000 Frauen, 270 Dschunken und 1200 Gewehren. Zhang Bao, der Chef der Roten, wurde gar zum chinesischen Marine-Kommandeur ernannt, und der eliminierte die übrigen Piratenbanden dann eine nach der anderen.
Die kaiserliche Überlegung war nun: wenn die chinesische Kriegsflotte schon Probleme mit einigen Piratendschunken hatte, wie sollte eine Konfrontation mit den besser bewaffneten westlichen Kriegsschiffen dann ausgehen? Dieser Überlegung folgten einige nur halbherzige Maßnahmen.
1808 lagen die Engländer wieder vor Macau, angeblich, um die portugiesische Enklave vor einer Invasion Frankreichs zu schützen. Und dieses Mal machten sie tatsächlich ernsthafte Anstalten, sich Macau unter den Nagel zu reißen. Britische Truppen gingen an Land, benahmen sich dort sehr übergriffig, und der britische Kommandant forderte gar die Übergabe des portugiesischen Forts zwecks besseren Schutzes von Macau.
In einer ungewöhnlich scharfen Protestnote drohte der chinesische Gouverneur schließlich mit drastischen Konsequenzen und dem Aufgebot einer riesigen Armee, sollten sich die Eindringlinge nicht sofortigst aus den Gewässern Macaus zurückziehen. Die “portugiesischen Barbaren” seien etablierte Handelspartner des Reichs der Mitte, und der Schutz Macaus und des chinesischen Handels sei in jedem Fall allein Sache des himmlichen Empires.
Die französisch-englischen Streitigkeiten sollten diese Länder, frei übersetzt, anderswo austragen. Es war dies die Zeit der Napoleonischen Kriege.
Bis 1821 wurde der Opiumhandel über Macau weitgehendst unterbunden, nun waren auch portugiesische Schiffe nicht mehr davon ausgenommen, durchsucht zu werden.
Aufruhr und Terror im Reich der Mitte
Der Manchu-Kaiser, der diese Entwicklungen begleitete, ist auf seine Art beinahe eine ebenso tragische Figur wie der allerletzte Manchu-Kaiser Pu-Yi, der Kindkaiser.
Der spätere Kaiser Taou-Kwang wurde 1781 als Prinz Meening geboren. Kaiser Qianlong, der 60 Jahre regierte und 1796 zugunsten eines seiner Söhne abdankte, war zwar sein Großvater, doch der hatte viele Kinder und Enkelkinder, und Meenings Aussichten auf den Thron waren als dritter von vier Söhnen bei seiner Geburt gering.
Die zahlreichen Manchu-Prinzen wurden bis zu ihrem 20. Lebensjahr von allen Staatsangelegenheiten, ja von der Öffentlichkeit ferngehalten. Demnach hat Meening vielleicht erst im Nachhinein von der verheerenden Niederlage der chinesischen Heere gegen die Truppen Vietnams erfahren (1788/89). 1796 brach eine Rebellion im Norden Chinas aus, die sich auch auf andere Provinzen im Nordwesten auszubreiten begann. Urheber war eine Bewegung, die sich Weisser Lotus nannte, und wohl einen uralten Hass gegen die Manchu-Dynastie hegte.
Auslöser waren aber Hungersnöte, hohe Steuern und Missstände in der kaiserlichen Verwaltung. Obwohl die Rebellion erst 1804 endgültig niedergeschlagen werden konnte, gelang es den Aufständischen in der Zwischenzeit nicht, sich besser zu organisieren. Andererseits wurde die Kampagne von korrupten Hofbeamten vorsätzlich verlängert und große Summen, die für die Niederschlagung der Rebellion bestimmt waren, offenbar von einem hohen Beamten und seinen Freunden zurückbehalten.
Erst 1799, nach dem Tod des alten Kaisers, wurde der korrupte Beamte Heshen vor Gericht gestellt, er selbst zum Selbstmord gezwungen und seine Familie grausam zu Tode gebracht. Meenings Vater, Keeking, der nun endlich frei schalten und walten konnte, war jedoch nach allgemeiner Ansicht kein guter Herrscher. Völlerei und Verschwendung kennzeichneten seine Regentschaft, niemand wagte in seiner Gegenwart Einwände, um nicht den Kopf zu verlieren, weshalb sich einige Verschwörer zusammenfanden, deren Ziel es war Keeking abzusetzen.
Tatsächlich wurde der Kaiser 1803 auf offener Straße von Attentätern, vielleicht auch von einem Mob angegriffen, und nur wenige seiner Offiziere kamen ihm zu Hilfe. Eine Untersuchung des versuchten Kaisermordes ergab, dass nicht nur hohe Offiziere an der Verschwörung beteiligt waren, sondern auch Prinzen, seine eigenen Blutsverwandten. Eine wahre Hexenjagd begann darauf hin, der Argwohn des Kaisers richtete sich schließlich auch gegen die eigene Familie.
Ein Dorn im Auge des Kaisers waren auch die Katholiken der Kirche Roms. Tausende starben im ganzen Land von der Hand der Scharfrichter.
Jesuitenpater waren übrigens im 17. und 18. Jahrhundert als Gelehrte und manchmal auch kaiserliche Berater bekannt. Z.B. wurden Jesuiten Anfang des 18. Jahrhunderts damit beauftragt, eine Karte von allen Gebieten zu erstellen, die das Reich der Mitte umfasste. Diese gewaltige Aufgabe wurde den am Hof weilenden Jesuiten anvertraut, schreibt Sven Hedin in “Trans-Himalaja”. Einer der prominentesten unter ihnen war Vater Régis. Nach einem Jahr hatten die Jesuiten die bereits existierenden Regionalkarten zu einer einzigen kompiliert. Mit Ausnahme von Tibet, über das überhaupt keine zuverlässigen Karten existierten. [s. Sagenhaftes Tibet und andere Legenden]
Über den Prinzensohn Meening ist aus dieser Zeit wenig bekannt, außer dass er sich unermüdlich den Kampfkünsten, dem Reiten und Jagen hingab, und dabei seine Gesundheit ruinierte. Noch 1812 machte sich Meening mit Sicherheit keine Hoffnungen auf den Thron.
Während die Aufmerksamkeit des Hofes nach Norden gerichtet war (wegen der Rebellion), kam es zu den erwähnten Zwischenfällen mit den Briten und machte sich das Piratenunwesen im südchinesischen Meer breit.
1813 kam Meenings Stunde, als abermals ein Angriff auf den Kaiser stattfand. Laut des Kaisers eigenem Berichtes drangen etwa 70 Räuber in die kaiserliche Stadt ein, töteten viele Wachen und Diener und wurden wohl selbst auch ordentlich dezimiert. Vier Attentäter waren gerade dabei, die letzte Mauer zu erklimmen und praktisch schon in den geheiligten Bereich eingedrungen, in dem nur ein paar Offiziere und Prinzen anwesend waren - als Meening zwei der Angreifer erschoss. Ein weiterer Attentäter wurde von einem anderen Prinzen niedergestreckt, der Rest der Bande suchte das Weite.
Des Kaisers Paranoia kannte nun keine Grenzen mehr. Mehrere Noble wurden zum Tod verurteilt. Meening aber war fortan Papas Liebling und inoffiziell designierter Thronfolger. Am 2. September 1820 starb der Kaiser endlich, unter nicht erklärten Umständen, und nach Jahren des Schreckens. Aus Prinz Meening wurde Kaiser Taou-kwan. Die ersten Jahre seiner Regierungszeit waren verhältnismäßig friedlich, er scheint um Gerechtigkeit und Versöhnung bemüht gewesen zu sein, und vorübergehend kehrte Ruhe im Land ein. Nur um über kurz oder lang von den verachteten europäischen Barbaren gestört zu werden.
War der “Opium-Krieg” ein Krieg um Silber?
Das Ende der spanischen Kontrolle über die amerikanischen Silberminen (aufgrund von Problemen mit diversen Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika, die selbst in den europäischen Heimatländern noch Wellen schlugen, z.B. in Portugal) wirkte sich auch auf die Versorgung Chinas mit Silber aus. Opium wurde in den südlichen Provinzen Chinas als alternative Währung verwendet, was übrigens auch im 20. Jahrhundert noch der Fall war.
Zwischen 1773 und 1837 verdreißigfachten sich die Opium-Importe. Millionen Chinesen wurden drogenabhängig mit den entsprechenden verheerenden ökonomischen und sozialen Folgen. [ingoldwetrust.report] Allein zwischen 1821 und 1837 verfünffachte sich die umgeschlagene Menge. [5] 1829 exportierte Großbritannien Waren im Wert von 21.000.000 Dollar nach China, wobei Opium die Hälfte des Wertes ausmachte. Im selben Jahr exportierten die USA Waren im Wert von 4.000.000 Dollar, wobei ein Viertel davon auf Opium entfiel. Ein starker Anstieg des Handels erfolgte 1834, als das Handelsmonopol der Britischen Ostindien-Kompanie geendet hatte; nun konnten auch kleine Reedereien ohne Einschränkungen in den lukrativen Handel einsteigen. Einige amerikanische Ostküstenfamilien wie z.B. die Delanos und Russels verdankten ihren Opiumschiffen den Grundstock ihrer Vermögen.
Beim Dreiecksgeschäft zwischen China, Indien und der Türkei, wo ebenfalls Opium angebaut wurde, fielen gigantische Gewinne ab. Das britische Außenministerium stellte sich auf die Seite der Finanzinteressen und zwang China in mehreren Kriegen seine Häfen für den Freihandel, also das Opiumgeschäft zu öffen. [Engdahl]
Interessant ist, dass der Opiumhandel wahrscheinlich dazu diente, das Ungleichgewicht im Handel auszugleichen. So wird wie folgt argumentiert:
Es entstand ein massives Handelsungleichgewicht zwischen Ost und West.
Womit gemeint ist, dass die europäischen Händler, die die chinesischen Häfen nur ein einmal im Jahr anlaufen konnten und darauf angewiesen waren, mit gefüllten Laderäumen die Rückfahrt zutreten, nicht genügend Silber zur Verfügung hatten, um Gewinn verheißende Mengen begehrter chinesischer Güter zu erwerben. Allerdings verhielten sich die Chinesen gegenüber europäischen Waren eher zurückhaltend, während die Europäer immer stärker chinesische Produkte nachfragten, insbesondere Tee, Porzellan und Seide. Die Zurückhaltung rührte weniger daher, dass Europa den Chinesen nichts anzubieten gehabt hätte (insbesondere ab dem Einsetzen der industriellen Revolution in England ab 1750), sondern wegen des Sinozentrismus und dem konfuzianischen Ideal der Bescheidenheit.
Der „Sohn des Himmels“ betrachtete den Verkauf chinesischer Waren quasi als Mildtätigkeit gegenüber den „Barbaren“, die ebenfalls in den Genuss der Früchte chinesischer Kultur kommen sollten. […] Da Großbritannien, anders als die Spanier in ihren amerikanischen Kolonien, selbst keine Silberminen besaß, mussten britische Händler zuerst in Spanien Waren gegen Silber verkaufen, um damit den chinesischen Tee bezahlen zu können. Über Umwege floss somit Silber aus Lateinamerika nach China. [Quelle]
In der Folge entwickelte sich ein immer größeres Handelsdefizit für Großbritannien und andere Länder, die mit China Handel trieben. Es kam zu massiven Kapitalabflüssen aus Europa nach China. […]
Die Chinesen exportierten Güter, die Briten bezahlten dafür mit Gold und Silber.
Interessant ist, dass der genormte mexikanische Silberdollar mit der Zeit als Zahlungsmittel in China verwendet wurde.
Die Schiffe der East India Company (kurz EIC) transportierten zeitweise hauptsächlich Gold an die chinesische Küste, das oftmals über neunzig Prozent der Ladungen ausmachte. Das bei den Briten begehrteste chinesische Produkt war der Tee, dessen Konsum stetig anstieg. Tee wurde von den Europäern seit Beginn des 17. Jahrhunderts aus dem Fernen Osten importiert. Ab den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts befand sich der Teehandel zwischen Großbritannien und dem Reich der Mitte in stetigem Aufschwung, von 1719 bis 1833 wuchs das Volumen angeblich um das Dreizehnfache. [Quelle]
Dieses Ungleichgewicht führte schließlich zum Abstieg Chinas aus dem Konzert der Großmächte: Die Briten, bzw. die East India Company, waren nicht gewillt, die Kapitalabflüsse mit „fairen“ Methoden zu reduzieren oder gar am Prinzip etwas zu ändern. Um das Handelsdefizit zu verringern, wurde China von den Briten mit Opium überschwemmt. [ingoldwetrust.report]
Der Hype begann insbesondere nach 1773 (nachdem die East India Company das Opium-Monopol in Bengalen im Griff hatte) und Millionen von Chinesen wurden drogenabhängig, begleitet von all den verheerenden sozialen und ökonomischen Folgen. Auf die verheerenden Folgen des Opium-Missbrauchs bin ich im Artikel Die East India Company kurz eingegangen.
Die britische Handelsbilanz bezüglich Chinas begann sich nun jedenfalls allmählich zuungunsten Chinas zu verschieben.
Nicht vergessen werden sollte der Umstand, dass dem noblen, offiziellen Vorhaben des chinesischen Kaisers, mit dem Opiummissbrauch aufzuräumen, immer noch die Cliquen und Beamten im Wege standen, deren Wohlstand durch das Verbot von Opium in Gefahr war. Die Folge der Verknappung der Lieferungen infolge des Opiumverbots war, dass der Opiumanbau im eigenen Land quasi wettbewerbsfähig wurde. D.h., dass mehr Opium im Land selbst angebaut wurde, und dies vor allen Dingen im Südwesten Chinas, an der Grenze zu Vietnam und Burma, in einer Gegend, die einmal das Goldene Dreieck genannt werden würde.
Chinesische Gastarbeiter im Königreich Siam brachten übrigens das Opium-Problem auch nach Thailand.
1811 verbot König Rama den Verkauf und die Einnahme von Opium, 1839 verfügte ein anderer König die Todesstrafe für Opium-Schmuggler. Allerdings hatten die Maßnahmen keinen dauerhaften Effekt, da zwar einheimische Schmuggler belangt wurden, die britischen Händler jedoch vor Strafverfolgung geschützt waren, bzw. sofort nach ihrer Verhaftung aufgrund der britischen Proteste wieder freigelassen wurden. 1852 beugte sich der thailändische König dem britischen Druck und verteilte Lizenzen zum Verkauf von Opium an chinesische Händler.
Vor dem Ultimatum
Die Opiumproduktion nahm ab 1821 stark zu, da in diesem Jahr das Monopol der EIC auf den Anbau in Bengalen auslief. In Folge überschwemmten private Opiumanbieter den Markt. 1834 verlor die Company auch das Monopol auf den Handel mit dem Qing-Imperium, woraufhin sich das Angebot an Opium in China abermals enorm steigerte.
Die geschmuggelte Ware war zu diesem Zeitpunkt im Reich der Mitte bereits dermaßen weit verbreitet, dass Opium vielfach zur Wertanlage und in manchen Regionen sogar als Zahlungsmittel benutzt wurde. Darüber hinaus war laut Schätzungen jeder zehnte Untertan des Kaisers süchtig nach der Droge. Während einer Kampagne gegen einen aufmüpfigen Bergfürsten blieben gar 200 von 1000 Soldaten auf der Strecke, die vom Opiummissbrauch zu geschwächt waren, um den anstrengenden Marsch durchzustehen.
Selbst in den 1920er Jahren, wenn nicht länger, war Opium so gut wie Bares oder besser. Bei den nun nachfolgend beschriebenen Ereignissen, die zum britischen “Opium-Krieg” führten, stehen die Briten seltsamerweise auf der Seite der Drogenhändler. Und sie reißen glatt einen Drogenkrieg vom Zaun, wie zu zeigen sein wird.
Der Kaiser war fest entschlossen zu verhindern, dass ausländische Mächte weiterhin Opium auf den chinesischen Markt brachten und bestimmte als erste Maßnahme gegenüber den westlichen Kaufleuten ein Ultimatum, binnen einer viermonatigen Frist Guangzhou (und damit China überhaupt) zu verlassen.
Parallel wurde auch noch gegen die am Opiumhandel und -konsum beteiligten Chinesen vorgegangen. Bis Ende 1837 waren die Boote der chinesischen Schmuggler [eigentlich wahrscheinlich englische Vertragshändler, so muss man annehmen] fast zur Gänze zerstört, Händler und Raucher der Droge wurden inhaftiert und täglich hingerichtet. Der Opiumhandel war durch diese Maßnahmen Ende des Jahres 1838 praktisch zum Erliegen gekommen. [Quelle] Was natürlich auch schlecht für das Geschäft der ausländischen Opiumhändler war.
Aber nicht nur der Auslandshandel war beeinträchtigt, auch das normale Wirtschaftsleben kam aufgrund der Kampagne beinahe zum Stillstand. Denunzianten sorgten dafür, dass auch unbescholtene Bürger ins Gefängnis geworfen wurden, und dort gemäß der langsamen Mühlen der chinesischen Justiz monatelang ausharren mussten. Generalverdacht lag in der Luft, die Häscher konnten in jedes Haus kommen, Angst machte sich breit.
Die Linie des Kaisers und seiner Berater war klar. Keine Kommunikation zwischen Chinesen und Barbaren. Die Küstenstädte des chinesischen Meeres wurden auf Verteidigungsmaßnahmen vorbereitet, Forts bzw. Befestigungsburgen wurden ausgebaut, mehrere ausländische Schiffe beschossen, in Brand gesetzt, angegriffen.
Lin Zexu (1785–1850), ein hoher kaiserlicher Beamter, stellte ein Ultimatum: Er forderte von den Briten die Übergabe des gesamten in deren Besitz befindlichen Opiums sowie die rechtlich bindende Zusicherung, nie wieder mit dem Rauschgift in China zu handeln. Erneutes Zuwiderhandeln hätte die Todesstrafe zur Folge gehabt. Als Lins Ultimatum auslief, ordnete der Kaiserliche Kommissar die Belagerung der ausländischen Faktoreien an: 350 Kaufleute wurden sechs Wochen unter Arrest gestellt. Nachdem das Opium schließlich doch noch übergeben worden war, lieferte Lin mit dessen Zerstörung letztendlich den casus belli für die Briten. [Quelle]
Die Eskalation des Handelsstreits begann im Grunde genommen mit der Ernennung von Lord Napier im Jahr 1833 zum „Superintendent of Trade” (Handelsbeauftragter), der Händler aus “allen Nationen” vertreten sollte. Die Chinesen wollten einen einzigen Vertreter jedoch nicht gelten lassen, da es Gewinn versprechender war, mit einzelnen Kaufleuten zu verhandeln. Der Lord wurde aufgefordert, das Land zu verlassen. Napier weigerte sich.
Napier sollte die Ausweitung des Handels auf andere Städte und die Aufnahme echter diplomatischer Beziehungen zwischen London und Beijing erreichen. Sein Vorgehen war dabei aber ziemlich undiplomatisch, er reiste direkt nach Guangzhou, ohne zuvor mittels Petition, auf Chinesisch ping genannt, die Erlaubnis des dortigen Generalgouverneurs eingeholt zu haben. Dieser forderte ihn auf, die Stadt sofort zu verlassen, Napiers Weigerung bewirkte die Stilllegung des Handels. Die Zwistigkeiten konnten beigelegt werden, da die einzige Forderung der Chinesen die Ausreise Napiers war. Deshalb verlor dieser die Unterstützung der britischen Händler und fügte sich schließlich. Mit seiner Abreise nach Macau wurde das Handelsverbot aufgehoben. Quelle
Napier starb am 11. Oktober 1834 an Fieber. Er war der erste, der Hongkong als geeigneten britischen Kolonialstützpunkt vorschlug.
Die Eskalation
1839 – Den Vorschlag, Opium zu legalisieren und zu besteuern, lehnte der Kaiser ab, der Gouverneur von Kanton, Lin, konfiszierte stattdessen 20.000 Kisten Opium (mehr als 1.200 Tonnen) im Hafen.
Eine der treibenden Kräfte, die auf ein bewaffnetes Eingreifen in China drängten, war Lord Palmerston, kann man lesen, über den der neue Superintendant of Trade, Captain Charles Elliot, einmal sagte, die Chinesen würden „über ihn, nicht mit ihm sprechen“. Allerdings ist die Situation etwas komplizierter. Tatsächlich hatte Palmerston die längste Zeit eine “Politik der Untätigkeit” betrieben, denn das Thema Opiumhandel war in England zumindest umstritten. Palmerston wollte aus innenpolitischen Erwägungen heraus weder die Fraktion der Freihandelsbefürworter, deren eifrigste Vertreter natürlich die Opium-Spediteure waren, noch die Chartisten und die Opposition vor den Kopf stoßen, die dem Handel mit Opium zumindest kritisch gegenüberstanden, und hoffte die China-Affäre ohne großes Aufhebens auszusitzen. Was gründlichst misslang.1
Superintendent Elliot erhob den Konflikt nun endgültig zu einer Staatsangelegenheit. Denn: Er erklärte sich zwar bereit, sämtliches Opium im Gesamtwert von über zwei Millionen Pfund Sterling auszuliefern, erklärte das Rauschgift aber vorher zum Eigentum der britischen Regierung und versprach den Opiumhändlern die Erstattung ihrer Verluste durch London. Quelle
Lin Zexu ließ die beschlagnahmte Schmuggelware, 20.000 Kisten an der Zahl, am 3. Juni 1839 öffentlich in Guangzhou verbrennen. Die verhafteten Ausländer wurden nach sechswöchigem Arrest freigelassen und verließen die Stadt in Richtung Macau, das von der chinesischen Regierung nun ebenfalls unter Blockade gestellt wurde. Es kam zu einer Hungersnot, und viele mussten die Insel verlassen und auf Schiffen Zuflucht suchen. Allerdings hatte Elliot keinesfalls in Absprache mit der britischen Regierung gehandelt, und als diese Monate später von dem Abkommen erfuhr, war man nicht gewillt, die Kaufleute mit Millionen von Pfund zu entschädigen. Stattdessen wurde beschlossen, die Chinesen den Verlust erstatten zu lassen.
Die Blockade von Macau und Guangzhou wurde im September 1839 mit Gewalt aufgehoben, als die HMS Volage chinesische Kriegsschiffe beschoss, was die Kriegshandlungen eröffnete. Am 31. Januar 1840 erfolgte die formale Kriegserklärung der britischen Regierung durch die indische Regierung.
Bis 1840 waren viele Händler in Guangzhou durch den Handel mit den Briten reich geworden, und es hieß sogar, dass jeder, der aus der Provinz nach Guangdong reiste, unter dem Verdacht stand, ein Opiumhändler zu sein. Die Bestechungsgelder und Provisionen aus dem Handel mit der Droge förderten ein riesiges Netzwerk von Händlern und Beamten, die an diesem Handel beteiligt waren, und deren Loyalität nicht vertrauenswürdig war. Bevor die Feindseligkeiten begannen, entschieden sich die Händler in Guangzhou dafür, die ausländischen Barbaren zu unterstützen, die wertvolle Waren mitbrachten, anstatt einen fernen Kaiser mit mandschurischem Blut, der seinen Willen durchzusetzen suchte. Südchina hatte jahrhundertelang ohne große kaiserliche Kontrolle ruhig nach seinen eigenen Bedingungen Handel treiben dürfen. [chinasage.info]
Großbritannien vs. China und der Vertrag von Nanjing (Nanking)
Lord Palmerston sandte 14 gepanzerte Kriegsschiffe gen China, “um englische Schiffe und Besatzungen zu schützen”, wie von offizieller Seite her verlautbart wurde. Diese Streitmacht sollte versuchen, mit dem Kaiser eine Lösung der Feindseligkeiten auszuhandeln. Als die Verhandlungsversuche zurückgewiesen wurden, griff die überlegene britische Seestreitmacht wichtige Häfen entlang der Küste (Chusan, Fuzhou, Xiamen, Ningbo und Tianjin) an.

Unterdessen schwoll die englische Streitmacht auf 10000 Mann an, Städte wie Shanghai und Ningbo hatten gegen die überlegenen britischen Waffen kaum eine Chance. Mühelos, im Gegensatz zu den Dschunken, fuhren die Briten als nächstes den Jangtse hinauf, um Süd- und Nordchina voneinander zu trennen, eroberten die wichtige Stadt Zhenjiang und bedrohten die Großstadt Nanjing. Die Schwäche Chinas und des himmlischen Kaisers wurden nun für jedermann offenbar.

Die chinesischen Dschunken hatten keine Chance gegen die britische Flotte, darunter befand sich das erste gepanzerte Dampfschiff, die Nemesis. Als die britischen Kriegsschiffe in der Mündung des Weissen Flusses Pei-ho angelangt waren, der über Tianjin nach Peking führt, und der Kommandeur direkte Gespräche mit der chinesischen Regierung forderte, sah der Kaiser keine andere Möglichkeit mehr, als sich zu Verhandlungen bereit zu erklären. Daraufhin wurde die Flotte zurückgezogen. Zahlreiche chinesische Kommandeure, die besiegt worden waren, ihre Stellungen aufgegeben hatten oder geflohen waren, wurden zum Tod verurteilt oder mindestens degradiert. Einige begingen Selbstmord, um der Schande zu entgehen.
Mit der sogenannten „Kanonenboot-Diplomatie“ sorgte London für „freien“ Handel, was 1842 zum Abkommen von Nanking führte. Insgesamt wurde China zur Reparationszahlung von 21 Millionen Pfund verdonnert. Interessanterweise wurde bei den Verhandlungen Opium, das doch den Anlass für die Streitigkeiten gab, mit keinem Wort erwähnt. Der englische Bevollmächtigte Sir Henry Pottinger hatte zwar versucht, das Thema bei den Verhandlungen in Nanking anzuschneiden, die chinesischen Unterhändler weigerten sich allerdings, eine Legalisierung in den Vertrag mit aufzunehmen. Sie befürchteten, dass Kaiser Daoguang dafür niemals seine Zustimmung erteilen würde.
Kaiser Daoguang kapitulierte und willigte im Vertrag von Nanjing (1842) in die Forderungen der Briten ein, indem er ihnen darüber hinaus die Insel Hongkong auf Dauer und freien Zugang zu Häfen, darunter Shanghai, gewährte.
Der Vertrag von Nanjing 1842 beinhaltete neben Entschädigungszahlungen hauptsächlich die Abschaffung des chinesischen Handelsmonopols, die Einrichtung von fünf Offenen Häfen (treaty ports), Exterritorialität und Einführung eines geregelten Zollsystems. Mit dem Vertrag wurde die Öffnung Chinas erzwungen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Versuche Chinas, den Opiumhandel zu unterbinden, führten zum ersten Opiumkrieg (1839–42) zwischen Großbritannien und China. Der Sieg Großbritanniens in diesem Konflikt zwang die Chinesen, das Kanton-System abzuschaffen und durch fünf Vertragshäfen zu ersetzen, in denen Ausländer außerhalb der chinesischen Gerichtsbarkeit leben und arbeiten und, mit wem auch immer sie wollten, Handel treiben konnten.
Die europäischen Enklaven in diesen Vertragshäfen unterlagen fortan ausländischem Recht (Exterritorialität) und nicht mehr chinesischen Gesetzen. Der Handel mit Opium blieb jedoch illegal. Kaiser Daoguang erklärte den Briten:
„Ich kann die Einfuhr dieses flüssigen Giftes nicht verhindern; geldgierige und korrupte Menschen werden aus Profitgier und Sinnlichkeit meinen Willen vereiteln; aber nichts wird mich dazu bewegen, aus dem Laster und Elend meines Volkes Einnahmen zu erzielen.“
Amerika, das nicht aus den Handelsabkommen ausgeschlossen werden wollte, entsandte eine Delegation unter der Leitung von Caleb Cushing und erlangte kurz darauf, im Jahr 1843, ähnliche Zugeständnisse von China. [chinasage.info]
Opium wurde also weiterhin geschmuggelt. Mit dem Abkommen erkannte der Kaiser aber auch das Prinzip der Exterritorialität an. Ausländer mussten sich nicht an geltendes chinesisches Recht halten. Dieses Abkommen und spätere trugen enorm dazu bei, die Autorität des chinesischen Kaisertums zu unterminieren und Widerstandsbewegungen gegen den schwachen Kaiser und die ausländischen Mächte zu stärken.
Etliche Informationen zum ersten Opiumkrieg stammen aus: Drogen, Krieg und Diplomatie. Der Opiumkrieg 1839–1842 und seine Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Großbritannien und China Franz Kurz Kerngebiet: Neuzeit eingereicht bei: Univ.-Prof. in Mag. a Dr. in Harriet Rudolph eingereicht im Semester: SS 2012Rubrik: Bachelorarbeit
Der Niedergang des Reichs der Mitte
Die Folge der „Kanonenbootpolitik“ war die Öffnung Chinas, enorme Entschädigungssummen (zu zahlen an die Briten), sowie das „ewige Besitzrecht“ an Kong Hong Island. Über Hong Kong und andere ausländische Enklaven war die Einfuhr von Opium über lokale Zwischenhändler fast problemlos möglich, schon mal wegen der garantierten Exterritorialität. Nun floss das Silber wieder in die Kassen der Aktionäre von BEIC, Jardine, Matheson, Russell & Co.
Die Defizite aus dem Teehandel hatten die Briten schon bald mehr als wettgemacht, der Wert chinesischer Opiumeinfuhren überstieg den britischer Teeimporte deutlich. Zur East India Company s. auch hier.
Doch das Nanking-Abkommen brachte keinen dauerhaften Frieden. Lokale chinesische Autoritäten empfanden den Vertrag als Demütigung und hielten sich nicht an das Abkommen. Im Dezember 1847 wurden sechs britische Staatsbürger in der Nähe von Guangzhou ermordet, was große Empörung auslöste. Die lokale chinesische Bevölkerung brachte ihren Widerstand gegen Ausländer in den neuen Vertragshäfen zum Ausdruck. Ausländer wurden mit Steinen beworfen, und in einem Fall lieferte ein Bäcker mit Arsen vergiftetes Brot. Unter dem Vorwand der umstrittenen chinesischen Enterung des britischen Schiffes „Arrow“ durch chinesische Behörden im Jahr 1856 schickte der britische Premierminister Lord Palmerston erneut Kanonenboote.
Die Taiping-Rebellion und der 2. Opiumkrieg
Der neue Kaiser Xianfeng (1851-61) sei selbst vom Opium abhängig gewesen. Seine Herrschaft war überschattet von der Taiping-Rebellion und vom 2. Opium-Krieg.
Der größte einer Reihe von Aufständen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Taiping-Rebellion (1850 - 1864), in der sich Anhänger eines Bauernsohns aus dem Süden namens Hong Xiuquan, der sich selbst zum jüngeren Sohn des christlichen Gottes erklärte, gegen den Kaiser und die Manchu-Clique erhob. Die Taipings, deren Name sich von den chinesischen Schriftzeichen für „großer Frieden” ableitet, machten sich daran, ein himmlisches Königreich auf Erden zu schaffen, in dem Privateigentum abgeschafft, Götzenbilder zerstört, Männer und Frauen gleichgestellt und Opium, Prostitution, Sklaverei und Fußbindung verboten werden sollten. Mit einer Streitmacht von einer halben Million Mann eroberten die Taipings die alte Hauptstadt Nanking, die sie in „Himmlische Stadt” umbenannten.
Als die Bewegung an Schwung verlor und niedergeschlagen wurde, hatte der vierzehnjährige Aufstand sechzehn der achtzehn Provinzen Chinas erfasst und 20 Millionen Menschen das Leben gekostet. [Generalissimo Chiang Kai-shek] Nach anfänglicher Sympathie für die Revolutionäre halfen später englische und französische Truppen bei der Niederschlagung.
Die Folterung, Inhaftierung und Ermordung mehrerer Briten gab Lord Elgin und den anglo-französischen Truppen den Anlass, auf Peking vorzurücken und dort den berühmten Sommerpalast des Kaisers zu zerstören.
Der Kaiser selbst war mitsamt seinem Hofstaat in die Mongolei geflohen, während diverse Volksaufstände China destabilisierten. Die britischen Autoritäten hatten nun, nicht zum letzten Mal, mit (mindestens) zwei chinesischen Regierungen zu tun. Diverse Rebellionen und Volksaufstände würden China auch während der nächsten Jahrzehnte zerrütten.
Beim zweiten Opium-Krieg erhielt Großbritannien Unterstützung aus Frankreich. Der Vertrag von Tianjin (1858) auferlegte China noch strengere Bedingungen, darunter die Legalisierung des Opiumhandels und die Einführung einer Einfuhrsteuer darauf, wahrscheinlich als finanzieller Anreiz, denn diese Steuer verschaffte der kaiserlichen Regierung beträchtliche Einnahmen.
Im Jahr 1860 stand ein Drittel Chinas (die wohlhabendsten Teile) unter der Kontrolle der Taiping. Diese Situation konnten Ausländer ausnutzen und damit drohen, die Taiping-Rebellen im Machtkampf gegen das Qing-Kaisersystem zu unterstützen. Tatsächlich wurden beide Seiten der Rebellion mit ausländischen Waffen und taktischer Unterstützung versorgt.
Im Vergleich zu den Taiping-Rebellionen stellten die beiden Opiumkriege kaum mehr als nur Scharmützel dar. Im 2. Opiumkrieg wurden 2.000 Alliierte (Briten, Amerikaner und Franzosen) getötet, gegenüber 30.000 Chinesen. Die Taiping-Rebellion kostete etwa 25.000.000 Chinesen das Leben. [chinasage.info]
Das Abkommen, das der Niederschlagung der chinesischen Streitkräfte durch Europäer und Amerikaner folgte, hatte die Mächte unter anderem mit weiteren Rechten verbrieft, diverse Enklaven, ja sogar Militärgarnisonen auf chinesischem Boden zu errichten, die von chinesischer Seite her unantastbar waren. Es ging darüber hinaus auch um mehr als ein Dutzend neue Vertragshäfen.
Diese exterritorialen Enklaven spielten immer mal wieder eine Rolle in der Geschichte, so z.B. als Auslöser des Boxer-Kriegs 1898. Einerseits weil chinesische Dissidenten in den Enklaven Schutz fanden und Scharen von Chinesen in diesen Konzessionen eine gewisse Freiheit und Wohlstand suchten, und zweitens, weil unter dem Schutz der diplomatischen Immunität von hier aus allerlei Intrigen gesponnen wurden. Und nicht zuletzt weil die ausländischen Sonderzonen ein ständiger Affront chinesischer Souveränität waren.
In jenem Jahr, 1860, als das Abkommen gezeichnet wurde, entsandte Preußen die erste Ostasienexpedition (1860 bis 1862) unter Leitung von Fritz Graf zu Eulenburg. Er hatte den Auftrag, die Länder China, Japan und Siam anzulaufen. Neben anzustrebenden Handelsverträgen bezog sich eine weitere Vorgabe darauf, „das Terrain in wissenschaftlicher und kommerzieller Beziehung zu erforschen”, wie es im Bericht der Regierung hieß.
Kurz vor der Abreise erhielt Graf zu Eulenburg noch eine weitere Zielvorgabe: In der Allerhöchsten Ordre vom 11. Mai 1860 wurde er angewiesen, „einen Punkt zu finden, an welchem sich mit Aussicht auf Erfolg eine preußische Aussiedlung gründen ließe”. Für einen ersten Schritt in ein solches koloniales Unternehmen in China - gedacht war dabei in erster Linie an Taiwan - trat dabei besonders Prinz Adalbert von Preußen, der Oberkommandierende der Marine, ein. [„Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des Deutschen Reiches in China, S. 55]
“Missionszwischenfälle” als Vorwand für Interventionen
Die wichtigste ökonomische Regelung des Vertragssystems, die den westlichen Mächten einen großen Eingriff in die wirtschaftlichen Verhältnisse Chinas erlaubte, war neben der Legalisierung des Opiumhandels der Verlust der Tarifautonomie. Die Zolltarife durften von China nicht mehr unabhängig festgelegt werden. In der Tat waren die neu festgelegten Zolltarife sehr moderat. Damit war der chinesischen Regierung die Möglichkeit genommen, erstens eigene Industrien durch Verhängung von Zöllen zu schützen und zweitens sich Einnahmen für den Staatshaushalt zu sichern.
Ein wichtiges anderes Ergebnis des Vertrages von Tianjin 1860 war die vertragliche Erlaubnis der Missionsfreiheit im Landesinnern. Die Missionen konnten dort Eigentum und Grundbesitz erwerben, ein Recht, das sonst keinem ausländischen Staatsbürger eingeräumt wurde. Die Exterritorialitätsbestimmungen legten außerdem fest, daß Missionare als ausländische Staatsangehörige nicht von chinesischen Beamten vor Gericht gestellt werden konnten. Sie standen in der Regel unter dem Schutz des französischen Gesandten, der ihre Interessen gegenüber dem chinesischen Staat offiziell vertrat.
Diese Regelung spielte sich in einer Zeit ein, als Frankreich die Herrschaft über Indochina zu übernehmen begann, nachdem 1857 zwei spanische Missionare auf Befehl des vietnamesischen Herrschers Tu Duc exekutiert worden waren. Zu jener Zeit, die sich mit dem 2. Opiumkrieg in China überschnitt, befanden sich hauptsächlich spanische und französische Missionare in Indochina. Die anfängliche französische Schutz-Expedition führte zunächst zur Einrichtung von drei französischen Vertragshäfen, und schließlich zur Besetzung von ganz Cochincina. 1887 wurde die Union “Französisch-Indochina” erklärt. [historyguild.com]
Die Missionare stießen in ihrer konkreten Missionsarbeit im Landesinnern Chinas auf erhebliche Widerstände seitens der Bevölkerung […] die sich aus verschiedenen wirtschaftlichen, soziokulturellen und politischen Faktoren ergaben. Insbesondere die katholischen Missionen verließen sich daher auf den weltlichen Schutz Frankreichs, um diese Widerstände gewaltsam zu überwinden. Das französische Gouvernement von Französisch-Indochina würde Ende der 1880er Jahre auch für das französische Schutzgebiet Guangzhouwan zuständig sein, siehe hierzu den Text weiter unten.
Die sog. Missionszwischenfälle (jiao’an), d.h. Vorfälle, in denen die christlichen Missionen oder Missionare gewaltsam angegriffen oder verfolgt wurden, stellten einen erheblichen Destabilisierungsfaktor für die chinesischen Außenbeziehungen dar. Immer wieder boten sie Anlaß für Drohungen oder Interventionen westlicher Staaten zum Zwecke chinesischer Zugeständnisse nicht nur im Bereich der Mission, sondern auch der Politik und des Handels. Gestützt auf den militärischen und diplomatischen Schutz der europäischen Mächte bildete die christliche Mission „einen Staat im Staate”, der sich der Kontrolle der chinesischen Regierung weitgehend entzog. [„Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des Deutschen Reiches in China, S. 38 f.]
Eine genauere Untersuchung ergab, dass die europäische Missionstätigkeit zu einem nicht geringen Anteil dazu beitrug, den Hass auf Ausländer und die Unzufriedenheit mit der Regierung im chinesischen Volk zu schüren. Mehr dazu weiter unten im Text. Mehr als 50 Jahre zuvor war jedoch ein Kaiser schon mit aller Härte gegen Christen vorgegangen, wobei allerdings auch andere religiöse Sekten verfolgt worden waren. Dennoch war ein gewisser Hass gegen Christen gleichsam schon vorprogrammiert anno 1860.
Der sino-japanische Krieg
Die Niederlagen gegen die Briten in den Opiumkriegen, gegen die Franzosen in Indochina im Jahr 1885 (im sino-französischen Krieg verloren die Chinesen Tonkin in Nordvietnam, das bislang dem chinesischen Kaiser zumindest tributpflichtig war) und gegen die Japaner im Norden (die Mandschurei) im Jahr 1894/95, zerstörten das Ansehen des Kaisers in den Augen seiner Untertanen weiter.
Die letzten beiden Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts sahen eine sich beschleunigende Rivalität der westlichen Staaten an der chinesischen Küste um ökonomische und politische Vorrechte. Ein sichtbares Resultat dieses Prozesses war die beginnende Erosion der traditionellen kontinentalen Tribut- und Puffersphäre des chinesischen Reiches. Zunehmend war auch Japan an der ausländischen Expansion in China beteiligt und bemühte sich seit 1874, seinen Einfluss in Ostasien auszudehnen: 1874 wurde eine militärische Expedition nach Taiwan entsandt, 1879 wurden die Ryukyu-Inseln besetzt.
Um das offensichtliche japanische Vordringen abzuwehren, wurde Korea 1882 dank internationaler Intervention zu einem internationalen Protektorat erklärt, wobei China auf seine formale Oberhoheit verzichtete. Zugleich aber sollte Korea weiterhin ein abhängiger Vasallenstaat des chinesischen Reiches bleiben.
In den Folgejahren kam es zu wachsenden Spannungen zwischen China und Japan über den bestimmenden Einfluss in Korea. 1894 führte dies zwischen beiden Staaten zu einer militärischen Auseinandersetzung über die Hegemonie in Korea, die mit einem japanischen Sieg endete. […] Im Vertrag von Shimonoseki vom 17. April 1895 wurden China folgende Bestimmungen auferlegt:
(1) Unabhängigkeit Koreas und Beendigung der Tribute, (2) die Zahlung einer hohen Kriegsentschädigung von 200 Millionen Taels, (3) die Abtretung von Taiwan, der Pescadoren-Inseln und der Liaodong-Halbinsel, (4) die Öffnung von Chongqing, Hangzhou und Suzhou für den ausländischen Handel, und (5) wurde japanischen Staatsangehörigen (über die Meistbegünstigungsklausel jedoch allen ausländischen Staatsangehörigen) das Recht zur Gründung von Unternehmen und Produktionsstätten zugestanden.
Das Fell des Tigers wird verteilt …
Die Niederlage Chinas in sino-japanischen Krieg war in den westlichen Staaten als Zeichen der Schwäche und vorläufiges Scheitern der chinesischen Selbststärkungsbewegung angesehen worden. Auch ein endgültiges Auseinanderbrechen Chinas wurde nun für möglich gehalten bzw. ins Visier genommen. Als Ergebnis des chinesisch-japanischen Kriegs kam es zu einem regelrechten Wettlauf um weitere bzw. neue Einflußsphären in China („scramble for concessions”).
Frankreich betrachtete Indochina und Südchina als seine Interessensphäre. Großbritannien sah die Gebiete am unteren Yangzi als seine Einflußsphäre an. Die Mandschurei, die nun vorläufig Japan zugesprochen worden war, war nach wie vor für Russland von einigem Interesse. Portugal war natürlich in Macao noch immer präsent … und Deutschland hatte ein Auge auf Tsingtao geworfen. Ein natürlicher Hafen am Gelben Meer, gegenüber von Korea, und somit ausnahmsweise nicht am so begehrten Südchinesischen Meer gelegen. Das Gelbe Meer ist übrigens maximal 155 Meter tief, im Durchschnitt aber nur 44 Meter, was natürlich für jegliche Dschunken ideal ist. Peking ist durch einen Fluss direkt mit dem Gelben Meer verbunden.
In dieser Situation, in der die Aufteilung Chinas - jedenfalls theoretisch in Interessensphären informeller Durchdringung - bald vollendet schien, wollte auch das Deutsche Reich seine Interessen gewahrt wissen. [„Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des Deutschen Reiches in China, S. 41f.]
Japan unter internationalem Druck
Japan hatte sich im Chinesisch-Japanischen Krieg von 1894/95 zur Regionalmacht aufgeschwungen. Zum allgemeinen Erstaunen bezwangen die Japaner den deutlich größeren Nachbarn mühelos, woraufhin prompt Korea, Formosa und die Liadong-Halbinsel mit dem strategisch wichtigen Hafen Port Arthur von Japan besetzt wurde. Insbesondere die letzte Maßnahme rief den Protest von Russland, Frankreich und Deutschland hervor.
Die deutsche Regierung hatte gegenüber dem Konflikt zwischen Japan und China zunächst eine neutrale Haltung eingenommen. Verschiedene Berichte und Denkschriften des Gesandten Max von Brandt, in denen er die politische und wirtschaftliche Bedeutung Chinas betonte, lösten jedoch ein Überdenken der bisherigen, eher projapanischen Ostasienpolitik aus. Bereits am 17. November 1894 betonte Wilhelm II., daß, falls es in China zu Gebietserwerbungen anderer Mächte käme, auch Deutschland entsprechend beteiligt werden müsse (Dok. 4). [„Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des Deutschen Reiches in China, S. 61]
Nachdem der Inhalt des Vertrages von Shimonoseki im März 1895 inoffiziell bekannt geworden war, sah Rußland durch die Vertragsbestimmungen seine eigenen wirtschaftlichen Interessen in der Mandschurei bedroht. Ungeachtet der russischen Vorbehalte und der Ratschläge anderer Großmächte unterzeichneten Japan und China den ursprünglich ausgehandelten Vertrag am 17. April 1895. England, dessen Interessen sich auf Shanghai und den unteren Yangzi konzentrierten, gab zu erkennen, daß es keinen Grund zu einem Protest sähe, während Deutschland gemeinsam mit Rußland und Frankreich beschlossen, gegen den Vertrag Einspruch zu erheben und Japan zur Rückgabe der Halbinsel Liaodong zu zwingen.
Großbritannien wollte sich Japan mit dieser Enthaltung möglicherweise als potentiellen Verbündeten warm halten. Tatsächlich unterstützte England Japan im japanisch-russischen Krieg 1904/1905.
Am 23. April 1895 gaben die Gesandten der drei Mächte der japanischen Regierung in einer schriftlichen Erklärung den Protest ihrer Regierungen gegen die Abtretung der Liaodong- Halbinsel bekannt. Konfrontiert mit dem geeinten Vorgehen dreier europäischer Mächte und der insbesondere von Deutschland scharf formulierten Note, beschloß die japanische Regierung den Rückzug. Vor allem die von deutscher Seite Formulierung der Forderung war
ausgesprochen unhöflich und diplomatisch ungeschickt. Deutschland drohte damit, „alle Gefahren für den Frieden in Fernost“ zu beseitigen, und machte sich damit völlig unnötig ein Land zum Feind, das großen Wert auf Höflichkeit legte und nichts so sehr verabscheute wie einen Gesichtsverlust. Widerwillig lenkte Japan ein, aber als Russland Truppen auf die Halbinsel verlegte und seine Kriegsmarine in Port Arthur ankern ließe, machte das die Sache nur noch schlimmer.56
Seit jener unglückseligen Intervention des Deutschen Reiches sann Japan auf Vergeltung …
1914 kam dann die Gelegenheit, die deutsche Kolonialmacht aus Ostasien zu vertreiben. Am 15. August des Jahres erklärte Japan Deutschland den Krieg und bereits nach wenigen Monaten, am 7. November, sah sich die deutsche Garnison in Tsingtao (wozu wir gleich kommen) gezwungen, die Kapitulation zu unterzeichnen. Die 4.000 Verteidiger hatten den im Russisch-Japanischen Krieg von 1905 kampferprobten 65.000 Soldaten wenig entgegenzusetzen. Zu sehr beruhte der Festungsbau auf Vorstellungen der Kriegsführung des 19. Jahrhunderts. Japan verlor 600 Mann im Austausch für Jiāozhōu, die Karolinen sowie Marianen und Marshall Inseln.
Deutsches Schutzgebiet Tsingtao
In China, das zu einem bevorzugten Aktionsfeld der imperialistischen Mächte geworden war, sicherte sich das Deutsche Reich 1897/98 die Bucht von Kiautschou (alternativ Jiāozhōu oder Tsingtao) und wirtschaftliche Vorzugsrechte im Hinterland, der Provinz Schantung. Das deutsche Kaiserreich legte zu dieser Zeit eine Art Endspurt hin, um noch ein Stück Kuchen, sprich Kolonien außerhalb Afrikas, abzubekommen, und seien diese Kolonien auch noch so winzig.
Bismarck hatte noch im Januar 1887 eine aktive Kolonialpolitik abschlägig beschieden, doch nach seinem Rücktritt wurde der Kurs neu überdacht. 1899 kaufte das deutsche Reich der spanischen Regierung [die gerade die Philippinen und Kuba an die USA verlor – C.B.] einige kleine Inselgruppen im Pazifik (die 1905 von Japan eroberten Marianen und Karolinen-Inseln sowie Palau) ab, und noch im selben Jahr erreichte es die Anerkennung seiner Ansprüche auf dem nördlichen Teil des Samoa-Archipels. Außerdem erwarb Deutschland 1902 Teile von Neu-Guinea und einen Marine- und Handelsstützpunkt in Tsingtau. Der entsprechende Pachtvertrag für die deutsche “Schutzzone” wurde 1898 abgeschlossen. Und so kam es dazu:
Gegen Ende des Jahres 1895 und im Jahr 1896 unternahm das Deutsche Reich mehrere diplomatische Vorstöße beim Zongli Yamen (Büro für die allgemeine Verwaltung der Angelegenheiten mit dem Ausland) in Peking und beim chinesischen Gesandten für Deutschland, mit dem Ziel, die Überlassung eines Hafens zu erreichen. Die chinesische Regierung lehnte ab, mit dem Hinweis, ein solches Zugeständnis würde zweifellos gleichlautende Forderungen anderer Mächte nach sich ziehen. Zur selben Zeit konkretisierten sich die Planungen des deutschen Generalstabs zur Besetzung der Kiautschou-Bucht. Der Plan zur Besetzung der Bucht wurde dem Kaiser am 28.11.1896 vorgelegt.
Nachdem die Zweifel bezüglich der Auswahl eines Ortes ausgeräumt, und ein Plan zur Besetzung sowie die außenpolitischen Konsequenzen geklärt worden waren (Russland versicherte, keine Einwände zu haben), wartete man in Berlin auf einen geeigneten Anlass. Otto von Diederichs, der im Juni 1897 seine Stellung als Chef des Ostasiatischen Geschwaders antrat, war in Berlin dahingehend instruiert worden, die Besetzung der Jiaozhou-Bucht vor Ort umgehend vorzubereiten. Einen willkommenen Anlaß bot zunächst ein Vorfall während des Besuches des Deutschen Gesandten Heyking beim Generalgouverneur der Provinz Hubei/Hunan, Zhang Zhidong, in Wuchang, der sich am 31. Oktober 1897 ereignete. Die Bootsbesatzung der SMS Cormoran, die Heyking nach Wuchang befördert hatte, war an der Landungsbrücke mit Steinen beworfen worden.
Einen Tag später wurden zwei deutsche Missionare ermordet.
Christliche Konvertiten heizen die Spannungen an
Der Vertrag von 1860 hatte unter anderem festgelegt, dass Missionare als ausländische Staatsangehörige nicht von chinesischen Beamten vor Gericht gestellt werden konnten. Sie standen unter dem Schutz des französischen Gesandten, der ihre Interessen gegenüber dem chinesischen Staat offiziell vertrat. Später wurde diese Regelung geändert, sodass auch das Deutsche Reich als Schutzmacht deutscher Missionare auftreten konnte.
Den Schutz der europäischen Mächte nutzend ergab sich nun die seltsame Bekehrungsstragie der Missionare, bei den chinesischen Magistraten in Steuer-, Geld- und Rechtsangelegenheiten häufig günstige Bedingungen für die chinesisch-christlichen Schäfchen zu erwirken.
Besonders für schutzlose Randgruppen der chinesischen Gesellschaft, schreibt Mühlhahn, wie die Mitglieder heterodoxer Sekten, Arme, Straffällige war der Übertritt zum Christentum attraktiv, weil sie sich damit Schutz erwarben. Die Folge der Gründung von christlichen Gemeinden in den Dörfern war eine Spaltung der traditionellen Dorfgemeinschaften in christliche und nicht-christliche Gruppen, weshalb die Dörfer und Kleinstädte versuchten, den Zuzug von Missionaren zu verhindern. Gestützt auf den Vertrag von 1860 und den Gesandten in Peking konnte dennoch Zugang und Bau von Kirchen in allen Gegenden erzwungen werden.
Diese Situation provozierte die Bildung von antichristlichen Geheimgesellschaften, die nicht selten unter dem Schutz chinesischer Beamten operierten und den Widerstand gegen die Missionen mit Gewalt fortsetzten.
Dies war der Hintergrund für viele der Angriffe auf die Missionen. Gegen eine bestimmte katholische Mission, die eine besonders aggressive Missionierungsstrategie verfolgte, gab es bereits seit einiger Zeit große Widerstände und zahlreiche Übergriffe. Der schlimmste Zwischenfall ereignete sich am 1. November 1897, als Mitglieder der Geheimgesellschaft der „Großen Messer” (Dadaohui) in einer Missionsstation in Zhangjiazhuang im Kreis Juye, Präfektur Caozhou, eindrangen und die beiden Missionare Henle und Nies ermordeten. Der deutsche Gesandte Heyking wurde von Berlin angewiesen, so hohe Sühneforderungen für die Ermordung der Missionare zu stellen, daß die chinesische Regierung sie nicht würde erfüllen können und so ausreichend Zeit bliebe, die Jiaozhou-Bucht zu besetzen (Dok. 20). [„Musterkolonie Kiautschou”, S. 107]
Der Gesandte Heyking argumentierte gegenüber der chinesischen Regierung, daß die Morde von einer von den Behörden gestützten, gut organisierten fremdenfeindlichen Bewegung ausgeführt worden seien, für die die Regierung daher haftbar zu machen sei.
In verschiedenen Variationen wurde diese Argumentation vorher und nachher immer wieder als Casus Belli eingesetzt. In neuerer Zeit z.B. von Präsident George H.W. Bush, der Afghanistan für die Angriffe vom 11. September 2001 haftbar machte, und mit der höchst zweifelhaften Begründung bombardieren ließ, dass das Land dem Terroristen Bin Laden Unterschlupf bot.
Die chinesische Regierung hingegen betonte, daß die Morde von Räubern verübt worden seien, die sich damit nach chinesischem Recht strafbar machten und von der Justiz verfolgt werden würden. Eine solche Tat könne sich in jedem Land ereignen, allerdings würde keine Regierung für die Tat von Räubern verantwortlich gemacht werden können (Dok. 33, 30).” [„Musterkolonie Kiautschou”, S. 107 f.]
Die Besetzung
Nachdem die deutschen katholischen Missionare Nies und Henle in China ermordet wurden, gab Kaiser Wilhelm II. am 7. November 1897 den Befehl zur sofortigen Besetzung der Kiautschou-Bucht. Das ostasiatische Geschwader, bestehend aus S.M.S. Kaiser, S.M.S. Prinzess Wilhelm und S.M.S. Cormoran (später noch S.M.S. Irene und S.M.S. Arcona [II]) begeben sich unter Befehl des Konteradmirals Otto von Diederichs (1843 – 1918) nach Kiautschou um die dortige Bucht nebst Befestigungen zu besetzten. Diese Aktion war keinesfalls eine spontane Reaktion auf die Ermordung der Deutschen, sondern nur der offizielle Vorwand eines über Jahre sorgfältig vorbereiteten Unternehmens. Bereits seit längerer Zeit war das Kaiserreich auf der Suche nach einem Stützpunkt in China.
Die Besetzung der zur chinesischen Provinz Schantung gehörigen Kiautschou-Bucht und des um die Bay gelegenen Bezirks durch Deutschland erfolgte am 14. November 1897 ohne Blutvergießen durch die Landung der unter dem Befehl des Vizeadmirals von Diederichs stehenden deutschen Marinetruppen. Die chinesischen Truppen unter General Zhang Gaoyuan zogen sich unter Protest, aber kampflos aus der Bucht zurück. In einer Proklamation wurde die chinesische Bevölkerung von der Besetzung unterrichtet und ein genau bezeichnetes Gebiet unter deutsche „Schutzherrschaft” genommen (Dok. 22). Die deutschen Soldaten zogen in die Unterkünfte der chinesischen Truppen ein.
Es begannen relativ zähe Verhandlungen, die chinesischen Gesandten wollten so wenig Zugeständnisse wie möglich machen. Deutschlands Forderungen in Form von Entschädigungen waren reine Erpressung, der durch die Drohung, Expeditionen ins Inland unternehmen zu wollen, einiger Nachdruck verliehen wurde. Anstatt der geforderten Geldsummen könne sich Deutschland aber auch mit einem Pachtvertrag in der Bucht zufrieden geben, und so kam es auch. Am 6. März 1898 fand die Unterzeichnung des Pachtvertrages statt.
Der Vertrag regelte die Pacht eines abgegrenzten Gebietes an der Jiaozhou-Bucht auf 99 Jahre durch Deutschland. In diesem Gebiet wurde dem Deutschen Reich die volle Oberhoheit zugesprochen. Um das Pachtgebiet herum sollte eine „neutrale Zone” errichtet werden, in der sich deutsche Truppen bewegen durften. Weiterhin wurden dem Deutschen Reich Konzessionen zugesprochen für den Bau zweier Eisenbahnlinien und den Abbau von Kohlevorkommen in einer Zone um die Eisenbahnlinien. Beide Vorhaben sollten von gemischten deutsch-chinesischen Gesellschaften betrieben werden.
Mit diesem Vertrag kam nicht nur ein Teil der Provinz Shandong unter unmittelbare Herrschaft des Deutschen Reiches, sondern darüber hinaus gelangten Bergbau und Eisenbahn unter informelle Kontrolle Deutschlands. Shandong wurde faktisch zur deutschen Einflußsphäre. Der Vertrag vom 6. März stellte die formale völkerrechtliche Basis der deutschen Expansion in Shandong dar. [„Musterkolonie Kiautschou, S. 113]
Auf ganz ähnliche Art und Weise waren Engländer und Franzosen 30 Jahre zuvor zu ihren Konzessionen gekommen, die Vorgehensweise ist stehts dieselbe: Ein Westler erleidet Ungemach oder wird gar ermordet, die Kanonenboote rücken an, eine unverschämte Entschädigung wird gefordert, Konzessionen seitens der chinesischen Regierung folgen. Japan in der Mandschurei befolgte diese Strategie natürlich gleichfalls.
Eine gar seltsame Praxis tritt hier zutage. Ein Angehöriger eines Volkes oder einer Nation wird im Ausland ermordet, was die betreffende Nation als Anlass für eine mehr oder weniger drastische Intervention in die Belange des Auslands nimmt. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 in Serbien als Anlass für Aktionen anzusehen, die, wie jedem bewusst war, einen internationalen Krieg initiieren würde, ist da nur folgerichtig.
Man wagt sich gar nicht vorzustellen, was für Forderungen gestellt worden wären, wenn beispielsweise nicht zwei sondern zehn Missionare ums Leben gekommen wären. Nur zwei Jahre darauf würde die Lage im Boxer-Aufstand eskalieren.
Die Kolonie Tsingtao
Der deutsche Handel mit China belief sich bereits vor 1898 auf 80 Millionen Mark, während im gleichen Jahr der Gesamthandel mit den deutschen Schutzgebieten erst 35 Millionen Mark ausmachte. [deutsche-schutzgebiete.de] Kurzzeitig würde der deutsche Chinahandel einen Umsatzhöchststand erreichen, woran auch die Lieferung von Stahl und Maschinenteilen von Krupp an die Kolonie ihren Teil beitrug.

27. April 1898
Das vertraglich bestimmte Pachtgebiet von Kiautschou wird offiziell unter deutschen „Schutz“ gestellt. “Die Deutschen errichteten eine Musterkolonie”, wird die Kolonie selbst in aktuellen Beiträgen noch angepriesen. Und: “Das kleine Fischerdorf Tsing Tau entwickelte sich schnell zu einer modernen Stadt.” “Dank einer modernen Trinkwasseranlage und Abwasserversorgung zählt Tsingtau zu den fortschrittlichsten und gesündesten Städten und entwickelt sich zu einer blühenden Kolonie, die Bevölkerung wächst von 83.000 auf ca. 200.000 Menschen im Jahr 1914 an.”
Dieses Bild einer Vorzeigekolonie hängt jedoch ein wenig schief, nicht alles war toll in Tsingtao. Die Vorteile einer modernen Trinkwasseranlage dürften tatsächlich insbesondere der deutschen Kolonie zugute gekommen sein, was bestimmt auch positive Auswirkungen auf das Trinkwassersystem der restlichen Stadt gehabt haben dürfte.

Kritisch eingeschätzt wird nachstehend die deutsche koloniale Praxis:
Während die Berichte des Gouvernements stets das Einvernehmen zwischen Deutschen und Chinesen betonten, sah die Realität anders aus. Die speziell für Chinesen erlassenen rechtlichen Vorschriften fungierten als Disziplinierungsinstrument, das die chinesische Bevölkerung in eine grundsätzliche Rechtsunsicherheit versetzte und vom Willen der Kolonialmacht abhängig machte. Außerdem war der chinesischen Bevölkerung das Wohnen im sog. Europäerviertel verboten. Sie sollte in dicht besiedelten eigenen Stadtvierteln wohnen. Das ganze wirtschaftliche, soziale und rechtliche System Kiautschous differenzierte strikt zwischen Europäern und Chinesen. Diese Segregation war in China sehr wohl bekannt und wurde dort heftig kritisiert. [„Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des Deutschen Reiches in China, S. 45]
Es wird außerdem angemerkt, dass spätere deutsche Berichte über die wirtschaftliche und soziale Lage in der Bucht vor der deutschen Besetzung 1897 den Eindruck eines verarmten, unentwickelten Landstrichs erweckten, der dann nach der Besetzung von der Kolonialmacht „entwickelt” und „modernisiert” worden sei. Tatsächlich aber zeigen die chinesischen Quellen, daß die Jiaozhou-Bucht seit Jahrhunderten ein wichtiger Hafen für die kommerzielle und militärische Seefahrt war. Die Bucht fungierte als wichtiger Knotenpunkt des interregionalen und internationalen Handels des chinesischen Reiches. [S. 54]


Unter anderem führt die deutsche Verwaltung eine Verkaufssteuer für Opium ein. Mindestens bis 1914 wurde Opium aus Tsingtao auch nach Berlin eingeführt.
§21 einer Verordnung im Anhang zum Marineverordnungsblatt 1899, S. XXV.] vom 15. April 1899, lässt erahnen, mit welchen Problemen sich die deutsche Verwaltung konfrontiert sah:
Wird erwiesen, daß in einem Hause Glücksspiele oder Versammlungen ohne Erlaubnis abgehalten werden, oder daß Opium ohne Erlaubnis geraucht oder nicht verzolltes Opium verwendet wird, oder daß Spirituosen ohne Erlaubnis verkauft werden, oder werden Waffen, Sprengstoffe und dergl. in einem Hause entdeckt oder mehr Personen in einem Hause untergebracht als gesetzlich zulässig ist, so werden die Geldstrafen, falls der Schuldige nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, über den Hauseigentümer verhängt und können zwangsweise, auch durch Versteigerung des Hauses von ihm eingetrieben werden. [Diese Verordnung tritt mit ihrer Verkündigung in Kraft. Qingdao, den 15. April 1899.
Der Kaiserliche Gouverneur Jaeschke
Paragraph 33 bringt deutsche Sauberkeit auch nach Tsingtao, wogegen angesichts diverser Epidemien nichts einzuwenden ist. Lustig ist der Paragraph trotzdem:
Der Hauseigentümer ist verpflichtet, auf Ruhe und Ordnung im Hause zu halten, die Abfuhr von Schmutzwasser und dergl. täglich vornehmen zu lassen, sämtliche Fußböden und Treppen täglich auszukehren und alle drei Tage zu scheuern, mindestens 2 Stunden lang täglich mit Ausnahme schlechter Witterung und Anwesenheit eines Kranken im Hause die Stuben zu lüften und mindestens einmal im Januar die Wände mit Kalkmilch zu weißen. [...]
Bei Unterlassung oder Zuwiderhandlung drohten $ 50,- Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu 4 Wochen, die im Wiederholungsfall gar 2 Monate betragen kann.
Unruhen im deutschen Schutzgebiet
1899 gründete die deutsche Regierung zwei Syndikate: Die Shandong-Eisenbahngesellschaft baute eine Eisenbahn nach Jinan, der Provinzhauptstadt von Shandong, und die Shandong-Bergbaugesellschaft baute entlang der Eisenbahn Bodenschätze ab. Die Unternehmen waren verpflichtet, Materialien aus Deutschland zu beziehen, deutsche Technologien und Standards anzuwenden, die Preispolitik mit den Kolonialbehörden abzustimmen und einen Teil ihrer Gewinne an die Reichsregierung abzuführen.
Die Fertigstellung der Eisenbahnlinie war Voraussetzung dafür, dass die Bergbaugesellschaft gewinnbringend produzieren konnte. In der Eile die Bahnstrecke fertigzustellen, setzten sich die Deutschen dabei großzügig über Einwände der Anwohner und lokale Gepflogenheiten hinweg.
Die Bauern wollten ihr Land nicht verkaufen, weil sie mit der angebotenen Entschädigung nicht zufrieden waren. Trotz der Proteste beschlossen die Unternehmen, den Bau fortzusetzen, auch wenn einige Grundstücke noch gar nicht erworben worden waren. Schließlich versammelten sich wütende Bauern, um die Eisenbahner am weiteren Gleisbau zu hindern. Als die Nachricht von Volksunruhen Kiautschou erreichte, beschloss der deutsche Gouverneur Jaeschke, «den Bauern eine Lektion zu erteilen». Er schickte sofort etwa hundert Soldaten in die Gegend, um die Unruhen zu unterdrücken. Die Truppen stürmten drei Dörfer und töteten 25 Menschen. Anschließend besetzten die Deutschen die Stadt Gaomi. Beim Abzug zerstörten die Soldaten eine berühmte Akademie und verbrannten die Bücher der Bibliothek. Dies geschah angeblich nicht aus reinem Vandalismus, sondern um den Chinesen die rückständige Literatur abzugewöhnen, die eine Gefahr für die so fortschrittliche westliche Kultur darstelle.
Die Boxer
Die chinesischen Bauern leisteten weiter Widerstand, indem sie wiederholt Landvermessungsstangen entfernten. Ein neuer Konflikt entstand im Frühjahr 1900. Im Tiefland des Haoli-Distrikts nördlich von Gaomi befürchtete die Bevölkerung, dass die Eisenbahn die empfindlichen Entwässerungssysteme des Tieflands blockieren und Überschwemmungen verursachen würde. Die Eisenbahngesellschaft stellte diese Befürchtungen jedoch als bloßen Vorwand dar, um die Bauarbeiten zu blockieren. Erneut forderte das Unternehmen den Gouverneur von Kiautschou auf, militärische Maßnahmen zum Schutz des laufenden Baus zu ergreifen. [Geschichte des modernen China, S. 200] Dann luden einige chinesische Gemeinden auch noch die Führer der Boxer-Bewegung ein.
Im Frühling und Frühsommer 1900 breiteten sich die Boxer über den Norden Chinas aus und zerstörten Bahngleise und Kirchen. Zehntausende von ihnen strömten nach Tianjin und Peking und durchkämmten die Stadtviertel nach westlichen Missionaren und chinesischen Christen. Spannungen und Streitigkeiten zwischen Ausländern und Chinesen eskalierten, als die Boxer begannen, Gebäude von westlichen Banken oder Firmen anzuzünden und zu plündern. Ausländer, darunter auch Diplomaten, fühlten sich bedroht und verlangten, dass das ausländische Militär sie beschützte. [Geschichte des Modernen China, S. 201 f.] Die Eskalationsspirale, die zur Niederschlagung des Aufstands und sogar zur Besetzung Pekings durch eine internationale Streitmacht führte, begann sich zu drehen.
Das deutsche Kaiserreich spielte im Konzert der Mächte nun also auch in China mit, und diese Mächte waren sich so einig wie sonst eigentlich nie mehr seit 1815 - dass bezüglich des Boxer-Aufstands, welcher das Ziel hatte, alle Ausländer aus China zu jagen, etwas getan werden musste.
Brief des Philosophen Kang Youwei an den Thron (Januar 1898)
Der Brief beginnt mit den folgenden Worten:
Drohend schwebt die Gefahr der Aufteilung Chinas durch die ausländischen Mächte über uns. Unverzüglich müssen deshalb umfassende Reformen zur Rettung unserer Nation eingeleitet werden.
Nach einem längeren Lamento über die in den vergangenen Jahren ergangenen Demütigungen (der Verlust Vietnams an Frankreich und der Verlust Taiwans an Japan) kommt Kang auf die Situation nach der Ermordung der Missionare und der Besetzung der Jiaozhou-Bucht zu sprechen. Seine Einschätzung wird nachfolgend wiedergegeben:
Die Sehne des Bogens ist gespannt, so daß der Pfeil jeden Augenblick losschwirren kann. Im Innern unseres Landes erbebt alles vor Angst, und Unruhestifter begehen Schandtaten. Nie hätte ich geglaubt, daß die von mir prophezeite Katastrophe so schnell eintreten würde. Umso unverständlicher ist mir, daß am Hof angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung niemand die Stimme erhebt. Noch schlimmer als vorher hüllt sich alles in Schweigen. Jetzt, da das ganze Ausmaß der Misere ans Tageslicht gekommen ist, schlottern die Beamten vor Angst und wissen nicht, wie ihnen geschieht.
[...]
Seit der Niederlage gegen die Japaner 1894/95 blicken die westlichen Staaten mit unvergleichbarer Geringschätzung auf uns herab. Früher galten wir in ihren Augen wenigstens noch als halbzivilisierte Nation; heute werden wir mit den Negersklaven Afrikas auf eine Stufe gestellt. Früher ereiferten sie sich über unseren Hochmut; heute behandeln sie uns wie Taubstumme und Blinde. Gemäß den von ihnen abgeschlossenen Verträgen haben nur zivilisierte Nationen ein Recht auf Schutz. Barbarische Völker hingegen sollen, um die Menschheit zu retten, ausgemerzt werden. [Ein deutlicher Seitenhieb auf die Eugenischen Bestrebungen jener Zeit, C.B.] In den letzten zehn Jahren waren die westlichen Großmächte mit der Aufteilung Afrikas beschäftigt. So blieb China vor größeren Schlägen verschont.

Nachdem nun die Aufteilung Afrikas abgeschlossen worden ist, beschäftigten sich die Großmächte in den letzten drei Jahren unablässig mit der Aufteilung Chinas. In aller Offenheit verbreiten sich die verschiedenen Zeitungen zu diesem Thema. Aus den Aggressionsplänen wird keinerlei Hehl gemacht.
Selbst detaillierte Pläne und Kartenskizzen gelangen überall zum Abdruck. Doch noch sind es Pläne, deren Verwirklichung aussteht. Warum haben Rußland, Deutschland und Frankreich ein geheimes Abkommen geschlossen? Warum haben sich England und Japan einander angenähert? Warum haben im Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei alle betreffenden Staaten keine größeren Truppenkontingente eingesetzt? Warum bauen alle Länder unaufhörlich Heer und Marine aus? Als allgemeine Antwort darauf hört man: „Um die Sicherheit Europas zu gewährleisten.” [Hahaha, das kommt mir jetzt aber echt bekannt vor, C.B.] Aber die dunklen Absichten der Großmächte konzentrieren sich insgeheim auf Asien. Stets behaupten die Großmächte, lediglich Handel und Mission schützen zu wollen.
Ganz wie heutzutage gieren die Mächte in Wirklichkeit nach der Ausbeutung fremden Territoriums.
Die „Times” äußerte sich als regierungsoffizielles Organ Englands zur deutschen Besetzung der Jiaozhou-Bucht in lobenden Tönen. Sie pries das deutsche Vorgehen und empfahl es allen anderen Ländern als nachahmenswert. Überall scheinen Minen versteckt zu liegen, die untereinander mit Zündschnüren verbunden sind. Explodiert eine Mine, gehen die anderen unweigerlich auch hoch. Jiaozhou bildet den Anfang einer Kettenreaktion. Der erste Pfeil dazu ist von Deutschland abgeschossen worden. [...]
Guangzhouwan - die französische Konzession
Ob dieser “erste Pfeil” wirklich von Deutschland abgeschossen wurde, sei dahingestellt, jedenfalls muss hier wohl relativiert werden. Ein Stück vom chinesischen Kuchen abhaben wollten bislang: Russland, Japan, Großbritannien.
Deutschland begnügte sich zunächst mit einem kleinen Stückchen. Portugals Einfluss über Macau verblasste. Aber was war eigentlich mit Frankreich?
Frankreich hatte sich natürlich Stücke von Indochina einverleibt
Zuerst 1858 und dann 1867 wurden französische Marineexpeditionen nach Vietnam entsandt, angeblich um Missionare zu schützen, in Wirklichkeit jedoch, um eine dauerhafte französische Präsenz an der Mündung des Mekong zu etablieren und diese als Sprungbrett für weiteren Einfluss in der Region zu nutzen – nämlich für den Zugang zu den Märkten Südchinas (Ricklefs et al. 2010, 181). Frankreich hatte sich bereits nach dem Ersten und Zweiten Opiumkrieg erhebliche Rechte in China gesichert, aber die französische Präsenz in den Vertragshäfen blieb gering, und der französische Einfluss in China wurde hauptsächlich über die katholischen Missionen ausgeübt, was die Hoffnung nährte, dass durch Tonkin ein größerer wirtschaftlicher Einfluss in China gewonnen werden könnte (Lee 1989, 3–4). [https://muse.jhu.edu/pub/5/article/696317]
Die Aktivitäten in Vietnam setzten Frankreich aber in Opposition zu China, spätestens dann, als Frankreich Tonkin zum Protektorat erklärte. Als vietnamesische Rebellen sich um Unterstützung an den chinesischen Kaiser wandten, sandte der eine Armee, was zum sino-französischen Krieg 1884/1885 führte, in dem China eine Niederlage erlitt. In Frankreich selbst war der Krieg in Indochina unpopulär.
Frankreich hatte Großbritannien bereits im Krimkrieg 1853-1856 und kurz darauf beim zweiten Opiumkrieg unterstützt. Die Kolonialpolitik Frankreichs in China entpuppte sich jedoch als mindestens ebenso ineffektiv wie die Deutschlands. Doch es gab sie.
Guangzhouwan wurde zufällig am am 10. April desselben Jahres 1898, in dem Tsingtao an Deutschland verpachtet wurde, für 99 Jahre an Frankreich abgetreten. Diese Gegend war aber auch ein Zentrum zunehmend organisiert auftretender Piratenbanden. In einem Artikel wird die Situation wie folgt umrissen:
Piraten entwickelten sich von Gelegenheitsräubern zu vollzeitbeschäftigten, groß angelegten Organisationen, die entlang der Küsten Nordvietnams, Guangxis und Guangdongs operierten, wobei sie die Halbinsel Leizhou als Basis nutzten und sich später der Tayson-Rebellion in Vietnam anschlossen (Antony 2003, 38–39, 43). [Ende Seite 120] Spätere Befürworter des französischen Imperialismus, die die Notwendigkeit der französischen Kontrolle über die Region rechtfertigen wollten, konnten auf den „grassierenden” Opiumschmuggel und die „intensive” Piraterie verweisen, die „entlang der gesamten Küste, von der Ha-Long-Bucht bis nach Macao, Terror verbreiteten” (Bonningue 1931, 38; Matot 2013, 57), darunter auch Angriffe auf westliche Handelsschiffe, die nach Kanton fuhren oder von dort kamen (Antony 2003, 45). [https://muse.jhu.edu/pub/5/article/696317
Die Meldung, dass Frankreich nun über eine Konzession am südchinesischen Meer verfügte, zog seltsamerweise kaum Aufmerksamkeit der französischen Regierung oder der Öffentlichkeit auf dem französischen Festland auf sich, ebenso wenig wie die Tatsache eines neuen Verwaltungssitzes in Fort Bayard. Diese seltsame Zurückhaltung hängt vielleicht mit dem Umstand zusammen, dass das Engagement Frankreichs im Heimatland nicht sehr populär war.
Ebenso wie Deutschland hatte Frankreich schon einige Zeit mit Überlegungen verbracht, welches Gebiet in China sich für eine Annexion eignen würde. Das schließlich auserwählte Gebiet lag westlich von Macau, näher an Französisch-Indochina (Vietnam) als an Macau oder Hong Kong gelegen.
Im März 1898 unterbreitete die französische Regierung der Qing-Dynastie offiziell einen Vorschlag zur Pacht von Gebieten im Süden Chinas; bis zum Ende des Monats wurde ein 20 Quadratkilometer großes Gebiet aus Nansan für einen Marinestützpunkt und eine Kohleversorgungsstation ausgegliedert (Bonningue 1931, 9). Ende April traf das erste Kontingent von etwa zweihundert französischen Marinesoldaten ein und ließ sich in einer verfallenen Küstenfestung der Qing nieder, die sie in Fort Bayard umbenannten, in der Erwartung, dass sie als „eines der wichtigsten Handelszentren im Fernen Osten” dienen würde (Matot 2013, 51).
Die Geschichte dieser französischen Gebietserwerbung gleicht der deutschen Annexion von Tsingtao in vielen Einzelheiten. Die Franzosen warteten also nicht lange umständlich, bis sie eine Antwort von den chinesischen Offiziellen erhielten, was für gewöhnlich seine Zeit dauerte, sondern schritten gleich zur Tat:
Die französischen Marinesoldaten drangen schnell vom ehemaligen Qing-Fort ins Landesinnere nach Suixi und Wuchuan vor und lieferten sich sofort Gefechte mit Einheimischen. Wie auch in anderen Teilen Chinas um die Jahrhundertwende waren in Leizhou Geheimgesellschaften aktiv, die sich sowohl gegen den ausländischen Imperialismus als auch gegen die Qing-Herrschaft stellten. Die lokale Oberschicht begann, bewaffneten Widerstand gegen die französischen Truppen zu organisieren, was zu einem mehr als einjährigen Kampf führte, bei dem Dutzende chinesischer Kämpfer und Zivilisten ums Leben kamen, darunter auch die vollständige Zerstörung und das Massaker des Dorfes Vong-Luock (Huanglüe) durch französische Truppen (Matot 2013, 28–29, 32, 35–39; Long und Jing 2013, 33; Su 2004, 222; Zeng 1999, 25–26). Gestützt durch Verstärkung und zuversichtlich hinsichtlich ihrer Position in Guangzhouwan, versuchten die Franzosen, ihren Vorteil auszunutzen und den bewaffneten Widerstand als Vorwand zu nutzen, um größere Zugeständnisse zu fordern. Nach monatelangen Verhandlungen unterzeichneten die Franzosen und die Qing am 16. November 1899 den „Vertrag über das Pachtgebiet Guangzhouwan”, der eine 99-jährige Pacht für ein stark erweitertes Gebiet (518 Quadratkilometer Land und 2.130 Quadratkilometer Meer) vorsah. [https://muse.jhu.edu/pub/5/article/696317]
Zwei Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags wurde ein lokaler Beamter in Chikan, der den Vertragsbedingungen zugestimmt hatte, ermordet. Ministère des Affaires Étrangères 1900, 1–2; Ruan 1982, 72–79; Matot 2013, 44)
Im Gegensatz zu dieser ausgesprochenen Diskretion Frankreichs wurde mit dem Pachtvertrag Tsingtao in Deutschland eindeutig Staat gemacht in der Öffentlichkeit.
Nichtsdestotrotz wurde die französische Konzession in die geopolitischen Überlegungen der Zwischenkriegszeit einbezogen, insbesondere im Hinblick auf Hongkong. Frankreich wollte das Gebiet nutzen, um Japans maritime Ambitionen einzudämmen und sich selbst mehr Gewicht in der asiatisch-pazifischen Region zu verschaffen.
Guangzhouwan war in den 1920er Jahren das Zentrum des Opiumproblems in Südchina.2
Der Boxer-Aufstand
Der Manchu-Kaiser Kwang Hsü führte 1898 eine Reihe von Reformen ein, die das konfuzianische System bedrohten bzw. reformieren sollten, worauf ihn seine Tante, die Kaiserin-Witwe Tz’u Hsi absetzte, heißt aus dem Weg schaffte und gleich noch sechs weitere Reformer mit dazu. Die Rede ist von Gift. Viele Intellektuelle setzten sich darauf hin in die Konzessionen ab oder schlossen sich den Auslandschinesen in den USA oder Japan an.
Es waren jedoch nicht eigentlich diese Reformen, die den Boxer-Aufstand entzündeten.
Die schnell um sich greifende Rebellion begann im Norden, wo eine verheerende Dürre eine Hungersnot ausgelöst hatte. Die Revolte richtete sich gegen die Fremden, die laut Boxer-Propaganda die Dürre ausgelöst hätten, und anfänglich auch gegen die mandschurische Qing-Dynasty.
Im Frühjahr 1900 breitete sich die Boxerbewegung allmählich von Shandong (dem Gebiet unter deutscher Schutzherrschaft) nach Zhili (Chilii) aus. Im Mai 1900 begannen die Boxer Eisenbahnlinien und Telegraphen bei Baodingfii zu zerstören und töteten ausländische Ingenieure. Am 11. Juni rückten sie in Peking ein, am gleichen Tag wurde ein japanischer Legationssekretär von Mitgliedern der Boxer getötet. Die in China engagierten Mächte (England, Deutschland, Rußland, Frankreich, USA, Japan, Italien und Österreich) beschlossen angesichts des raschen Vordringens und der anti-ausländischen Parolen der Boxertruppen, eine alliierte Truppe zum Schutz der Gesandtschaften nach Peking zu entsenden. Die alliierte Truppe wurde am 10. Juni unter Führung des englischen Admirals Seymour gebildet, obwohl auch von Seiten der Deutschen der Wunsch nach dem Oberkommando der Expedition verlautbart wurde. Doch die erreichten die chinesische Küste erst, als der Vormarsch nach Peking bereits begonnen hatte. Unterwegs wurden diese Truppen jedoch von Einheiten der Boxer gestoppt und zum Rückmarsch nach Tianjin gezwungen, was als Sieg der Boxer verklärt wurde.
Im Juni 1900 erkannte die zuvor über die Politik gegenüber den Boxern uneinige Qing-Regierung die Boxerbewegung offiziell als loyale patriotische Bewegung an und forderte die Boxer auf, sich als Milizen registrieren zu lassen. Am 19. Juni benachrichtigte das Zongli Yamen (das Büro für ausländische Angelegenheiten) die ausländischen Gesandten, daß sie Peking verlassen sollten. Einen Tag später, am 20. Juni, wurde der deutsche Gesandte Ketteier auf offener Straße von Boxern getötet. Wiederum einen Tag später, am 21. Juni 1900. erklärte die Quin-Regierung den ausländischen Mächten den Krieg. [Mühlhahn, S. 490 f.]
Die Reaktion des Auslands auf den Boxer-Aufstand
In den Jahren 1900 und 1901 wurden Truppen aus Deutschland, Russland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Japan, Österreich-Ungarn und Italien nach China verlegt, um die Belagerungen ihrer Gesandtschaften in Peking zu beenden. Nach der Ermordung eines deutschen Missionars wurde eine dieser Expeditionen von Deutschland unter Beteiligung mehrerer ausländischer Militärkontingente angeführt. Deutschland konnte sich so entsprechend dem Selbstverständnis großer Teile der Bevölkerung als gleichberechtigt unter den großen Kolonialnationen zeigen und seine Bedeutung im internationalen Geschäft unterstreichen.57 Als das deutsche Expeditionskorps aufbrach hielt Wilhelm II. eine markige Rede, nur eins von mehreren Beispielen undiplomatischer Reden oder Aktionen Wilhelms II. Begleitet von den Worten des Kaisers, die als „Hunnenrede“ in die Geschichte einging, brach am 27. Juli 1900 das deutsche Expeditionskorps nach China auf, um den Boxer-Aufstand niederzuschlagen. Er sagte wörtlich:
„Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wer Euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“ Wilhelm II. am 27. Juli 1900
Russland ging jedoch noch weiter. Der Boxeraufstand wurde als Vorwand für einen Einmarsch in der Mandschurei genutzt, und die Russen ließen erkennen, dass sie länger bleiben wollten. Russland war entschlossen, China zu zerschlagen und die Handelspolitik der offenen Tür, mit der ausländische Händler satte Gewinne eingefahren hatten, nicht länger fortzusetzen.
Russland bekam nun endlich das, worauf es schon ein Jahrhundert lang hinarbeitete: einen ganzjährig eisfreien Hafen und unbehinderten Zugang zu den Weltmeeren. Doch es sollte nicht sein.
In Japan war die Stimmung unentschieden: Sollte man ein Bündnis mit Russland eingehen und die russische Oberhoheit über die Mandschurei anerkennen oder sich auf die Seite der Briten schlagen und den Russen entgegentreten?58
In dieser Situation entschloss sich der britische Lord Balfour dazu, die Politik der Isolation zu beenden. Am 30. Januar 1902 wurde ein Abkommen mit Japan ausgehandelt, das nun als Gegengewicht zu Russlands Aktivitäten im Fernen Osten dienen sollte. Zwei Jahre später, am 8. Februar 1904, fuhren japanische Torpedoboote einen Angriff auf russische Kriegsschiffe in Port Arthur. Eine Kriegserklärung gab es nicht.59 Es folgten eine Reihe kleinerer ergebnisloser Gefechte, doch Japan nutzte die Situation, um die Invasion Koreas auszuweiten. [1850 - 1917] Die Überlegenheit der Japaner zur See beruhte auf den in Großbritannien gebauten gepanzerten Kriegsschiffen.
Nach der Einnahme Pekings durch die alliierten Truppen am 14. August änderte der Qing-Hof abermals seine Politik gegenüber den Boxern. Die Kaiserinwitwe Ci Xi und der Hof hatten Peking verlassen und waren nach Xi’an geflohen. In Erlassen wurden nun die Aktionen der „Boxerbanditen” verurteilt und zur totalen Bekämpfung der Boxer aufgefordert. Außerdem wurde der Generalgouverneur von Guangdong und Guangxi, Li Hongzhang, beauftragt, Friedensverhandlungen mit den ausländischen Mächten zu fuhren. Die Verhandlungen resultierten in dem sog. Boxerprotokoll, das am 7. September 1901 unterzeichnet wurde. [S. 492]
Die Nationen, die Streitkräfte gegen den Aufstand entsandt hatten, erhielten das Recht, dauerhaft Besatzungstruppen in Nordchina zu stationieren. Die verheerendste Klausel betraf jedoch die enorme Entschädigung von 450 Millionen Tael ohne Zinsen, die das Jahresbudget der Qing-Regierung von 250 Millionen Tael weit überstieg. Diese Summe repräsentierte die Summe aller Ansprüche, die die beteiligten Länder als Kosten für militärische Expeditionen, Sachschäden und Verlust von Menschenleben geltend machten. Es gab jedoch kein Verfahren zur Beurteilung der Rechtmäßigkeit der Ansprüche und ihrer Beträge. Jedes Land machte seinen Anspruch auf der Grundlage seiner eigenen Berechnungen geltend. Auf Russland entfielen 29 % der Gesamtentschädigung, gefolgt von Deutschland mit 20 %. China war verpflichtet, jährlich etwa zwanzig Millionen Taels zu zahlen. Damit dauerte es 39 Jahre, um den gesamten Betrag mit Zinsen abzuzahlen. Diese hohe jährliche Zahlung belastete die Haushalte der chinesischen Regierungen über Jahrzehnte hinweg und hatte erhebliche Konsequenzen. Der Vertrag legte die Finanzen des chinesischen Staates lahm und verstärkte gleichzeitig den Einfluss ausländischer Mächte auf die chinesischen Einnahmen. [Mühlhahn, S. 206]
Warum nur erinnert mich diese Geschichte an den schmählichen Versailler Vertrag und die Weimarer Republik?
China war während des Boxer Aufstands (1898 -1900) in einen blutigen Bürgerkrieg verstrickt, der mit Hilfe ausländischer Truppen ebenso blutig niedergeschlagen wurde. Zu sehen auf der Karte oben sind andere Konflikte innerhalb Chinas während des 19. Jahrhunderts.
Es war eine Zeit, als sich chinesische Intellektuelle dazu gezwungen sahen, ihr altes Mandarinsystem und ihre konfuzianischen Traditionen im Hinblick auf die Anforderungen der nationalen Macht im Industriezeitalter zu überdenken. [usni.org]
1903 forderte Japan einen Rückzug der russischen Truppen aus der Mandschurei und die Anerkennung der japanischen Interessen in Korea. Der folgende Disput endete 1904 im Russisch-Japanischen Krieg, den Japan für sich entscheiden konnte. Russland musste 1905 die Mandschurei räumen, die wieder an das Kaiserreich China der Qing-Dynastie zurückgegeben wurde. Um die von Japan in der Mandschurei beanspruchten Rohstoffe nach Korea zu bringen und von dort nach Japan verschiffen zu können, wurde die Südmandschurische Eisenbahn errichtet, die von der japanischen Kwantung-Armee bewacht wurde.
In einem anderen Teil wird es um China ab 1900 gehen. Das halbe Jahrhundert bis 1949, als sich Mao und die Kommunisten endgültig durchgesetzt hatten, ist gekennzeichnet von diversen Revolutionen, der sogenannten “Warlord-Ära” und dem Konflikt zwischen Nationalisten und Kommunisten, in der einmal mehr von einer Einheit Chinas nicht die Rede sein kann. In einem daran anschließenden Teil wird dann endlich die Rolle von OSS (ab 1942) und CIA (1947) beleuchtet, Organisationen, die in diversen Indochina-Kriegen bekanntlich eine nicht unbedeutende Rolle spielten.
Weiterführende Links
https://www.researchgate.net/publication/373922696_Silk_Road_and_Trade_of_the_Mongol_Empire
https://www.scinexx.de/dossierartikel/weltoffene-metropole/
https://www.britannica.com/event/Canton-system
https://www.macaudata.mo/macaubook/ebook007/html/00701.htm
https://historyguild.org/indochina/ Allgemeiner Überblick über die Entwicklung in Indochina
http://www.combinedfleet.com/International_t.htm
https://www.globalsecurity.org/military/world/taiwan/chiang-kai-shek.htm
Literaturhinweise
Hinweis: Viele der nachfolgend genannten Bücher habe ich dank annas-archive.org herunterladen können. Das digitale Archiv erlaubt auch die Voreinstellung nach Sprache und Format und hat mir wertvolle Dienste bei meinen Recherchen geleistet. Ebenso dankbar bin ich deepL.com, dessen recht ausgereifte Übersetzungssoftware eine große Hilfe war.
A troublesometerritory. French Diplomacy in Hong Kong and the Question of Guangzhouwan during the InterwarPeriod FrançoisDrémeaux HAL Id:hal-04808096 https://hal.science/hal-04808096v1 Submitted on 13 Dec 2024
Die Geschichte des Modernen China, Klaus Mühlhahn, C.H. Beck 2021
The Silk Road, Jonathan Tucker, I.B. Tauris 2015
THE FRENCH OFFICERS: CRAFTSMEN OF THE CONQUEST AND PACIFICATION OF TONKIN (1871-1897) MAURICE ROBERT de SAINT VICTOR, MAJOR, FRENCH ARMY B.A., Ecole Spéciale Militaire, Saint-Cyr, France, 2000
The Soong Dynasty, Sterling Seagrave, Corgi Book, 1985
Generalissimo, Jonathan Fenby, Free Press 2003
Encyclopedia of mongolia and the mongol empire, Christopher P. Atwood, Fact on File, Inc. 2004
China in a series of views, displaying the Scenery, Architecture and Local Habits, Thomas W. Allom & Rev. G.N. Wright, Vol. III, Fisher, Son & Co.
The Life of Taou-Kwang, Late Emperor of China, Smith, Elder & Co. 1852
‘Palmerston’s Opium War’?: The 1832 Reform Act, its attendant domestic contexts and their influence on the outbreak of the First Opium War (1839-42), Samuel Jardine 2020
The Burma Road, Donovan Webster, Pan Books 2003
A troublesometerritory. French Diplomacy in Hong Kong and the Question of Guangzhouwan during the Interwar Period, François Drémeaux, Journal of the Royal Asiatic Society Hong Kong Branch, 2024, 64,pp.71-93. hal-04808096 https://hal.science/hal-04808096v1
Warlord Politics, Lucian W. Pye, Praeger Publishers 1971
“Musterkolonie Kiautschou”: Die Expansion des DDeschen Reiches in China, Herausgegeben von Mechthild Leutner, Akademie Verlag GmbH, Berlin 1997
Die Seidenstraße, Helmut Uhlig, Gustav Lübbe Verlag 1987
The Building of the Burma Road, Tan Pei-Ying, Whittlesey House 1945
The Old Burma Road, Dr. Neville Bradley, William Heinemann Ltd. 1945
Records of the Three Kingdoms in Plain Language, Translated, with Introduction and Annotations, by Wilt L. Idema and Stephen H. West, Hackett Publishing Company 2016
Burma Road, Nicol Smith, Garden City Publishing 1942
Gold Warriors, Sterling & Peggy Seagrave, Bowstring Books 2002
WARLORDS, Bob Langley, William Morrow & Company 1981
Zur Politik Palmerstons siehe ‘Palmerston’s Opium War’?: The 1832 Reform Act, its attendant domestic contexts and their influence on the outbreak of the First Opium War (1839-42) von Samuel Jardine, der zufällig den selben Namen trägt, wie ein damals bekannter Opiumschmuggler.
Siehe A troublesome territory. French Diplomacy in Hong Kong and the Question of Guangzhouwan during the Interwar Period François Drémeaux



























